Prof. em. MMag. Dr. Ingeborg Gabriel ist eine österreichische römisch-katholische Theologin und Sozialwissenschaftlerin (Ökonomie, internationale Beziehungen). Sie studierte u.a. Katholische Theologie in Wien und habilitierte sich im Fach Christliche Sozialethik, in dem sie später eine Professur an der Universität Wien innehatte. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen (sozial-)ethische Grundlagen, Menschenrechtsethik, Wirtschaftsethik und Fragen globaler Gerechtigkeit und des interkulturellen Dialogs. Neben ihrer universitären Tätigkeit engagierte sie sich intensiv in internationalen wissenschaftlichen Vereinigungen und kirchlichen Beratungsgremien.

Die militärische Dimension des bereits mehr als vier Jahre dauernden Kriegs der Russischen Föderation gegen die Ukrainische Republik ist nur die Spitze eines Eisbergs. Der Konflikt findet im Land selbst wie in den unterstützenden europäischen Staaten zudem im Cyberspace statt und wird in die Gesellschaften und die Politik hineingetragen. Es handelt sich – ein Déjà-vu für meine Generation – hier vor allem um einen Kampf um die Wahrheit in den Herzen und Köpfen der Menschen, um die Beeinflussung ihrer Weltsicht.
Die Hoffnung nach dem Ende der ideologischen Bipolarität im Jahre 1989/1990 war, dass der Kontinent sich friedlich unter Überwindung der Trennungen entwickeln würde. Dies hat sich nicht bewahrheitet. Der Konflikt zwischen Russland und dem Rest Europas ist vielmehr in einem neuen, nicht weniger bedrohlichen nationalistischen Gewand wiedergekehrt und ist mit immensen Risiken verbunden.
Die folgenden Überlegungen behandeln nicht die technischen Bedingungen und Möglichkeiten hybrider Kriegsführung, sondern sie konzentrieren sich auf die Frage der Wahrheit, der in diesen Auseinandersetzungen wiederum ein beachtliches Gewicht zukommt: Dies ist zuerst überraschend, nicht zuletzt da wir uns in den letzten Jahrzehnten daran gewöhnt haben, dem Begriff der Wahrheit mit Skepsis zu begegnen. Dies ist kein neues Phänomen. Die Frage des römischen Statthalters Pontius Pilatus an Jesus: Was ist Wahrheit? (Joh 18,38) hallt durch die gesamte Geschichte. Die Folge dieser Skepsis war der Mord an einem Unschuldigen aus politischem Opportunismus. Der Autor der österreichischen Verfassung, Hans Kelsen, beginnt sein Essay: Was ist Gerechtigkeit? (1953) interessanterweise mit dieser Szene aus dem Johannesevangelium. Er verweist damit als Rechtspositivist auf die offene Flanke demokratischer Gesellschaften. Diese sind, wie Ernst-Wolfgang Böckenförde anmerkte, daher auf moralische Quellen angewiesen, die sie weder selbst schaffen noch garantieren können. Diese als Böckenförde-Paradoxon bezeichnete Realität macht deutlich, warum dem Kampf um die Wahrheit in der hybriden Kriegsführung für demokratische Gesellschaften beachtliche Bedeutung zukommt.
Was aber ist Wahrheit? Hannah Arendt, die wohl scharfsinnigste Analytikerin des Totalitarismus, unterscheidet in ihrem Essay Wahrheit und Politik die Wahrheit der Fakten von moralischen Wahrheiten. Ersteren kommt sowohl im Alltag wie in der Politik primäre Bedeutung zu. Um richtige Entscheidungen zu treffen, sind wir auf faktische Wahrheiten angewiesen und sei es nur die Wettervorhersage. Fehler oder gar Manipulationen der Fakten können schwerwiegende Folgen für Leib und Leben haben. Dies gilt für alle Lebensbereiche, je komplexer umso mehr. Die Menschen moderner demokratischer Gesellschaften sind sogar mehr als frühere darauf angewiesen, dass Technik und Regelungen funktionieren und soziale Abmachungen eingehalten werden. Sie alle basieren auf einer im Allgemeinen unstrittigen Anerkennung von Fakten. Ohne Vertrauen in die Verlässlichkeit dieser komplexen technischen und moralischen Welt erodiert das soziale Gefüge. Anzeichen dafür, die weiterwirken, zeigten sich während der Coronaepidemie. Die hybride Kriegsführung macht sich diese und andere Krisen zunutze. Die Skepsis und Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit sind so demokratisch bedrohlich. Dies gilt für Tatsachenwahrheiten ebenso wie für moralische Wahrheiten. Mehr oder weniger durchschaubare Lügen und die Manipulation von Wahrheiten können so zum Kriegsinstrument werden. Dies ist gegenwärtig in hoch professionalisierter Art und Weise der Fall. Ein wichtiges Mittel der Propaganda ist wie in den Totalitarismen eine „schreckliche Originalität“ (Arendt) in der Umdeutung von Begriffen (u. a. Deutsche Demokratische Republik). Der polnische Nobelpreisträger Czeslaw Milosz hat in Verführtes Denken (polnisch 1953) diese Taktiken sowie ihre Auswirkungen auf Menschen analysiert. Die Möglichkeiten der Propaganda sind heute durchaus ähnlich, doch ihre Verbreitung durch soziale Medien ist um vieles breiter sowie durch Algorithmen individualisiert. Man muss sich die Frage stellen, ob es wirklich nicht technisch vermeidbar ist, dass jemand, der z. B. aus wissenschaftlichem Interesse rechtslastige politische Inhalte aufgerufen hat, über Monate mit derartigen Nachrichten „geflutet“ wird.
„Demokratie“, so schreibt Julian Nida-Rümelin zu Beginn seines Essays Demokratie und Wahrheit (2006), „ist ohne Wahrheitsansprüche inhaltsleer, Demokratie ist kein bloßes Spiel der Interessen.“ Ein verbreiteter Skeptizismus hinsichtlich von Wahrheit in postmodernen, postmarxistischen und sozial-evolutionistischen intellektuellen Strömungen wirkt sich negativ auf die grundrechtlichen Fundamente von Demokratien aus. Der französische Philosoph Paul Ricœur hat Nietzsche, Marx und Freud treffend als „Meister des Verdachts“ bezeichnet. Die Erosion des Vertrauens leistet Verschwörungstheorien Vorschub, die die soziale Kohäsion und das politische Leben untergraben und sich in hohem Maße polarisierend auf das politische Leben auswirken. Dies stellt heute das wohl größte Problem westlicher Demokratien dar. Der Glaube, dass faktische, ja wissenschaftliche oder gar moralische Wahrheiten erkennbar sind, ist vielfach nicht mehr vorhanden. Wenn jedoch alles nur noch dem Interesse und Machtstreben (von Eliten) entspringt und es keine objektiven Wahrheiten gibt, kann es keine Verständigung und Kommunikation über Parteigrenzen hinweg geben. Dies führt zu einer zunehmenden Verunsicherung, die in der hybriden Kriegsführung gezielt gefördert werden kann. Die sich der Kontrolle immer mehr entziehenden Möglichkeiten der KI beschleunigen diesen Trend.
Wenn es freilich keine Wahrheit gibt, kann es auch keine Lügen geben. Die Infragestellung von faktischen wie moralischen Wahrheiten und ihre Ersetzung durch die Annahme eines rein interessengeleiteten Handelns unterstützt so korrupte Politik und ist Gift für die Demokratie. Der US-amerikanische Philosoph Harry Frankfurt hat dies in seinem luziden Essay Bullshit (2005) analysiert. Zwei Jahrzehnte später erscheinen die Folgen der Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit als Achillesferse moderner liberaler Gesellschaften offenkundig. Sie führen zu einer politischen und sozialen Vertrauenskrise und begünstigen nationalistische Ideologien, die teils – was insbesondere beunruhigend ist – religiös legitimiert werden. Wie weit derartige Perversionen gehen können, zeigt die Ernennung des Hl. Seraphim von Sarow, der gemeinhin mit dem Licht assoziiert wird, zum Patron der russischen Atomstreitkräfte (2007).
Diese Wahrheitsskepsis wurde vielfach durch Ideologien als moderne, systemische Welterklärungssysteme und ihre Implosion oftmals befördert. Was aber ist der Unterschied von Wahrheit und Ideologie? Hier drängt sich die biblische Metapher der Götzen auf, die – so immer wieder in den Texten – stumm und unbeweglich sind. Sie sind weder lebendig noch lebensfördernd (Psalm 115,4-7; 135. 15-18 et passim). Die Verzerrung faktischer und moralischer Wahrheiten ist die Falle der „ismen“, die zu gegen Gegner gerichteten Waffen werden. Das Bemühen um die Wahrheit als Verständnis der Wirklichkeit und des menschlich Angemessenen wird hier der Schlagkraft geopfert. Wenn Papst Franziskus in seinem Antrittsschreiben Evangelii gaudium schreibt: Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee (EG 231-233) ist dies eine Reflexion in Bezug auf die Wahrheitsfrage wert.
Haltungen im Kampf um die Wahrheit: Epistemische Demut, Gerechtigkeit und Empathie
Nach der Implosion der marxistischen Regime bestand die Hoffnung, dass das ideologische Vakuum durch humanistische Ideen, die Achtung der Menschenrechte und zivile Umgangsformen im Politischen gefüllt würde. Wir waren überzeugt, dass die Welt genug von den zerstörerischen und aggressiven Wirkungen der Ideologien hatte. Dies war ein offensichtlicher Irrtum. Die alten Dämonen sind in neuem Gewand wiedergekehrt und der Sumpf aus Unwahrheit und Lügen breitet sich rasant aus. Die entscheidende Frage scheint zu sein: Wofür kämpfen wir? Nicht zuerst wogegen.
Das Wort „Kampf“ hat leider gleichfalls eine neue Dringlichkeit. Es gilt der Tendenz zur Gleichgültigkeit und einem Sich-in-falsche-Sicherheiten-Wiegen entgegenzuwirken. Wir leben nicht am Ende der Geschichte. Eine Anekdote bringt dies auf den Punkt. Der Zoodirektor eines großen Zoos kündigt als neue Attraktion ein Gehege an, in dem Löwe und Lamm gemeinsam wohnen. Ein Besucher fragt erstaunt, wie das denn gehen soll. Ganz einfach. Es braucht nur jeden Tag ein neues Lamm. Wer die eschatologische Vision von Jesaja (Jesaja 11, 6-9) bereits erfüllt sieht, negiert ihre Opfer.
Wie aber soll man für die Wahrheit kämpfen? Wenn uns das letzte Jahrhundert etwas gelehrt hat, dann folgendes: Es braucht dazu epistemische Demut im Ringen um die Erkenntnis der Wirklichkeit in der Abwägung von Argumenten und der Anerkennung des Anderen. Dies meint zugleich: es braucht den Widerstand gegen manichäische Weltbilder, für die Schwarz und Weiß unerbittlich feststeht. Die mittelalterliche Methode der Wahrheitssuche in den Quaestiones verlangte die Position des Anderen vor jeder Kritik in ihrem Wahrheitsgehalt ernsthaft zu erkennen. Es braucht auch eine Absage an ein prometheisches Denken, das alles für möglich erklärt. Papst Johannes Paul II. betonte wiederholt, dass ein verantwortungsvoller Umgang mit anthropologischen Fragen zentral ist und Irrtümer hier verheerende Folgen haben.
Gerechtigkeit und Empathie als humanistische Grundhaltungen sind für Gesellschaften national wie weltweit unverzichtbar. Sie grundsätzlich als Ausrichtung preiszugeben, würde den militärischen Kampf letztlich sinnlos machen. Wie eingangs erwähnt, findet der Kampf um die Wahrheit daher zuerst in den Köpfen und Herzen von Einzelnen als ihre fragile Grundlage der Demokratie statt. Von dort wird er in die Zivilgesellschaft und Kirchen und in die Medien auch hineingetragen. Hier ist zu überlegen, wie der Kampf ausgefochten werden soll. Die Wahrnehmung des Problems und die Antworten sind hier bisher um vieles zu schwach. Wo gibt es professionelle Nachrichtenkanäle, die sich der Aufgabe widmen? Wo kirchliche Foren, die Menschen zusammenbringen, um Antworten zu überlegen? Wo die notwendigerweise ökumenischen Strategien, die die Polarisierungen und Gräben zu überwinden suchen, und die Gegengewichte gegen Propagandalügen bieten? All dies mag angesichts der Größe der Herausforderung wie ein Kampf gegen Windmühlen erscheinen, doch die lange Geschichte christlicher Resilienz könnte hier eine starke Ressource gegen Resignation sein. Jesus vor Pontius Pilatus bezeugte nach eigenen Worten die Macht der Wahrheit. Er ist äußerlich in einer Position extremer Schwäche vor dem Richter – doch der Text inspiriert uns bis heute, während der Skeptizismus des römischen Statthalters und seines Reiches vergangen ist. Wahrheit ist kein abstrakter Begriff. Sie ist in all ihren Dimensionen ebenso verletzlich wie lebensnotwendig. Deshalb hassen sie die Tyrannen. Alle Tyrannen.