Festvortrag zur Benennung der Hochbrücker Liegenschaft der Bundeswehr in "Christoph-Probst-Kaserne"

Am 6.11.2019
Prof. Dr. Markus Vogt, LMU München

Für die Ehre und Herausforderung, dass Sie mir den heutigen Festvortrag zur Benennung der Liegenschaft Hochbrück in „Christoph-Probst-Kaserne“ anvertraut haben, danke ich von Herzen.

Lassen Sie mich mit einer persönlichen Vorbemerkung beginnen: Die Friedensfrage war für mich als Teenager vor vierzig Jahren der Auftakt zu ethisch-politischem Denken – damals noch ziemlich blauäugig mit der Bergpredigt und Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ in der Hand. Durch ein Studium in Israel mit seiner sicherheitspolitisch so verfahrenen Lage, Beratungen des Instituts für Theologie und Frieden (ithf) und des Zentrums für ethische Bildung in den Streitkräften (zebis) in Hamburg sowie aktuell ein Forschungsprojekt mit Kollegen aus der Ukraine zu Toleranz und Konflikt an den Grenzen Europas konnte ich inzwischen einige Erfahrungen sammeln. Auch familiengeschichtlich hat das Thema von Frieden und Widerstand für mich eine prägende Bedeutung.[1] Aber ich gestehe es gleich vorweg: Ich betrachte mich nach wie vor mehr als Lernender denn als Lehrender.

Bildung im Dienst der Gewissensbildung

Für mich erwächst aus der ethischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und anderen totalitären Systemen ein Leitmaßstab und Prüfstein für das, was ich unter Bildung verstehe – sei es als Vater oder bei meiner Tätigkeit als Hochschullehrer: Förderung menschlicher Aufrichtigkeit, die Befähigung zu unabhängigem Denken und kritischer Vernunft, auch zum Widerstand gegen all die kleinen und großen Versuchungen angepasster Gedankenlosigkeit, die Hannah Arendt als „Banalität des Bösen“ charakterisiert. Bildung und Wissen haben der Gewissensbildung zu dienen, und alles kommt darauf an, ob sich dieses in schwierigen Situationen bewährt. Ohne Charakterbildung ist kognitive Bildung richtungslos. Auch für den christlichen Glauben ist das für mich der entscheidende ethische Maßstab: Er wird wahr und gewinnt Leuchtkraft, wenn er zu Menschlichkeit befähigt.

Der Sinn der Bildung ist die Erhöhung von Resilienz gegen Ideologieanfälligkeit in ihren vielfältigen Spielarten. Bildung soll zu Aufrichtigkeit und kritischer Vernunft befähigen, ihr Kern ist moralische Urteilskraft in der Unterscheidung der Geister, sie bewährt sich im Mut im Widerstand gegen die großen und kleinen Formen der Verantwortungslosigkeit im Alltag.

Im diesem Sinne ist ChristophProbst ein leuchtendes Vorbild, ein Mensch, der in einer Zeit, als es nur wenige Gerechte zu geben schien, aufrecht blieb, menschlich und voller Hoffnung. Menschen wie er sind das moralische Fundament, auf dem nach dem sozialen und geistigen Trümmerfeld, das der Nationalsozialismus hinterließ, eine neue Zukunft für Deutschland aufgebaut werden konnte. Er ist ein Märtyrer für den Glauben an Humanität, Freiheit und Demokratie.

Der Traditionserlass als Auftrag für ein kritisches Geschichtsbewusstsein

Die Benennung einer Kaserne nach Christoph Probst ist Ausdruck eines Geschichtsbewusstseins in der Bundeswehr, das die Schatten und Brüche nicht verdrängt; eines Geschichtsbewusstseins, das sich der Perspektive derer, die unter die Räder gekommen sind, stellt. Die Bereitschaft, eine solche stets schmerzliche und unbequeme Perspektive einzunehmen, ist heilsam: Sie kann sensibel machen für die Gefahren von blindem Militarismus oder bequemer Passivität, von Mitläufertum und Feigheit, denen wir alle stets neu ausgesetzt sind. Dem Traditionsverständnis der Bundeswehr, das dies zu integrieren vermag, zolle ich höchsten Respekt.

Zentrale rechtliche Grundlage der heutigen Feierist der Paragraf 3.4.1 desTraditionserlasses der Bundeswehr vom 28. Februar 2018: Bei grundsätzlichem Ausschluss der Wehrmacht als Teil des „verbrecherischen NS-Staates“ aus dem Traditionsverständnis wird geregelt, dass „die Aufnahme einzelner Angehöriger der Wehrmacht in das Traditionsgut der Bundeswehr [...] dagegen grundsätzlich möglich (ist). Voraussetzung dafür ist immer eine eingehende Einzelfallbetrachtung sowie ein sorgfältiges Abwägen. Dieses […] muss die Frage persönlicher Schuld berücksichtigen und eine Leistung zur Bedingung machen, die vorbildlich oder sinnstiftend in die Gegenwart wirkt, etwa die Beteiligung am militärischen Widerstand gegen das NS-Regime […].“

Bei Christoph Probst fällt die Abwägung nicht schwer: Er ist eine Gestalt, die vorbildlich und sinnstiftend in die Gegenwart wirkt; ein Held, wenn man diesen definiert als einen Menschen, der ohne Rücksicht auf sein eigenes Schicksal den Mut aufbringt, sein eigenes Leben zu riskieren, um das Schicksal anderer zu verbessern. Der Mut, mit dem er – nach dem Zeugnis seiner Abschiedsbriefe – die Phase der Verzweiflung überwand und ohne Klage geradezu frohgemut in den Tod ging, beeindruckt noch heute. Dies wiegt umso schwerer, als er Frau und drei kleine Kinder zurückließ und der Entwurf seines noch nicht gedruckten Flugblattes nur durch widrige Umstände in die Hände der Nationalsozialisten gelangte. Er wurde von der Festnahme überrascht, als er den Urlaubsschein zum Besuch seiner im Wochenbett erkrankten Frau abholen wollte.

Der Aufruf von Christoph Probst zum Widerstand gegen die nationalsozialisti­sche Herrschaft ist durch das heutige Traditionsverständnis der Bundeswehr klar gedeckt: zum Beispiel die Bindung an Werte wie Achtung der Menschenwürde, Wahrung von Rechtsstaatlichkeit und Völkerrecht, Ausschluss jeder Gewalt- und Willkür­herrschaft, Verpflichtung auf Freiheit und Frieden sowie auf Menschlichkeit“ (§ 3.1). Wie hellsichtig war Christoph Probst, als er im siebten, nicht veröffentlichten und erst 1990 wiederentdeckten Flugblatt, das als sein politisches Vermächtnis gilt, formulierte: „Sollen Hitler, dem Sendboten des Hasses und des Vernichtungswillens, alle Deutschen geopfert werden? […] Das soll, das darf nicht sein! Hitler und sein Regime müssen fallen, damit Deutschland weiterlebt.“

„Healing of memories“

Die Benennung einer Kaserne der Deutschen Bundeswehr nach einem Menschen, der von den Organen des Staates wegen „Vorbereitung des Hochverrats“, „Feindbegünstigung“ und „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde, ist ein in der internationalen Militärgeschichte herausragender Akt: Sie setzt ein Zeichen, dass die Traditionspflege nicht auf militärische Sieger verengt wird. Sie ist ein Akt, der zum kritischen Innehalten mahnt. Denn es kann nicht darum gehen, den Namensgeber wie einen normalen Helden des Kampfes der Militärgeschichte einzuverleiben. Eine ethisch angemessene Erinnerung an den mit 23 Jahren vermeintlich unehrenhaft aus dem Dienst entlassenen Sanitätsfeldwebel Christoph Probst mündet in ein Nachdenken über die heutigen Herausforderungen in der Spannung zwischen Gewissen und Gehorsam, Staatstreue und Widerstand sowie die Gefährdungen von Freiheit, Recht und Demokratie.

Die Tatsache, dass heute auch Angehörige der Familie Probst bei dieser Feier anwesend sind, ist ein Geschenk derVersöhnung – oder vorsichtiger: der Dialogoffenheit auch angesichts der geschichtlichen Abgründe und Brüche – und des Vertrauens, dass die Kaserne des Sanitätsdienstes angemessen mit dem geistigen Erbe von Christoph Probst umgehen wird. Ich bin dankbar, dass gleich im Anschluss eine Vertreterin der Familie, die das viel authentischer kann als ich, etwas zur Person Christoph Probst sagen wird. Ich kann nur beitragen, dass in der heutigen christlichen Sozialethik für die Einbeziehung der Stimme derer, denen in der Geschichte und der Gesellschaft Unrecht angetan wurde, als erkenntnisleitendes Prinzip gilt: Nur wer sie hört, gewinnt Kraft zu einem Neuanfang, zu Versöhnung und Gerechtigkeit.

In der ökumenischen Friedensbewegung wird dies auch „healing of memories“ genannt. Wie schwierig und fragil, aber auch notwendig dies ist, lässt sich an vielen gegenwärtigen Konflikten studieren, in denen Verletzungen und Kränkungen über Generationen weitergegeben werden. Versöhnung ist nicht verfügbar und nicht erzwingbar. Zugleich ist sie die Basis und psychosoziale Tiefendimension für dauerhaften Frieden.

Vor diesem Hintergrund kann die heutige Enthüllung des Namensschildes nur der Auftakt sein für eine stete Auseinandersetzung mit dem geistigen Erbe von Christoph Probst und der Weißen Rose. Sie ist das Versprechen einer Erinnerungskultur, die die Generationen durch eine „geistige Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft […] verbindet und Orientierung gibt“ (Traditionserlass). Die Weiße-Rose-Stiftung, insbesondere Frau Dr. Kronawitter und Herr Kaufmann, werden dazu sicherlich engagiert und hochkompetent beitragen können.

Da die Erinnerungskultur – wie es in dem Erlass heißt – „nicht nur Kopf und Verstand“, sondern in besonderer Weise „auch Herz und Gemüt“ erreichen soll (§ 1.2), könnte zu einer solchen Traditionsvermittlung beispielsweise auch Musik beitragen, so wie bei der Veranstaltung zur Weißen Rose im Juli des Jahres an der Hochschule für Philosophie in München, als Musikstudenten die Kammeroper „Die Weiße Rose“ von Udo Zimmermann aufführten. Das könnte auch ein Heeresmusikkorps! Vielleicht könnte auch eine kleine Komposition zu Christoph Probst zu einer solchen erlebbaren Traditionspflege beitragen?

Ethik der Erinnerung

Sollen die Mitglieder der Weißen Rose nicht umsonst gestorben sein, wie Thomas Mann in einer Radioansprache 1943 postulierte, dann ist ihre Hinrichtung Auftrag zu einer Ethik des Erinnerns.[2]Dabei ist zu berücksichtigen, dass die damalige Situation unter einer totalitären Herrschaft, in der Widerstand den todesmutigen Einsatz des eigenen Lebens forderte, nicht mit der heutigen Situation in Deutschland als einem liberalen Rechtsstaat gleichzusetzen ist. Erinnerung denken heißt auch, die unterschiedlichen Kontexte und Dimensionen im Blick zu behalten.

Unter dieser Prämisse lassen sich jedoch auch heute zahlreiche Situationen entdecken, in denen es darauf ankommt, widerständig und mutig zu sein, statt angepasst mitzuschwimmen und sich wegzuducken. Zivilcourageist diekleine Münze des Widerstands. Ohne diese wird es auch im Großen keinen Widerstand gegen die je unterschiedlichen Formen von Intoleranz, Ausgrenzung und Ideologie geben. Kritische Zeitgenossenschaft, aufrichtiges Menschsein und Zivilcourage einzuüben ist eine fundamentale Bildungsaufgabe.

Dem hebräischen Konzept von Erinnern(zakar) ist eine ursprüngliche Kraft zu eigen, die die verschiedenen christlichen und säkularen Traditionen des Erinnerns bereichern kann: Erinnern ist demnach darauf ausgerichtet, möglichst genau zu verstehen, wodurch sich Schicksale entscheiden, wie Konflikte, Unglück und „Exil“ entstehen. Nur wer sich erinnert, ist fähig zu lernen und sich aus den oft lange nachwirkenden Verstrickungen zu befreien. Deshalb formuliert der Talmud: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“

Erinnerung wird jedoch nur dann fruchtbar, wenn wir die Gestalten und Ereignisse in ihren spezifischen Handlungskontexten und Suchprozessen zu verstehen suchen. Deshalb sollen wir Christoph Probst in der Erinnerungskultur nicht in der Weise auf einen Sockel stellen, dass er uns als idealisierte Gestalt in unnahbare Ferne entrückt wird, sondern ihn als Menschen erinnern, der uns in seinem Suchen und Ringen, Hoffen und Zweifeln, Lieben und Leiden, in seinen studentischen Freundschaften und seiner Lebensfreude lebendig vor Augen steht.

Ressourcen der Widerstandskraft

Obwohl Christoph Probst ein Mensch war, dessen Leben schon früh von vielen Umzügen und Brüchen gekennzeichnet war (seine Eltern hatten sich vor seiner Geburt getrennt; sein Vater starb durch eigene Hand, als er 17 war; er musste oft die Schule wechseln), hatte er in der Geborgenheit der Familie und in der Hoffnung seines Glaubens eine innere Sicherheit gewonnen, die ihm Kraft gab und zum Aufstand des Gewissens befähigte. Aber auch für ihn war die klare Distanz zum Nationalsozialismus ein Lernprozess, da er anfangs durchaus positiv von Sportversammlungen der HJ berichtete.

Vor allem durch seine tiefe Freundschaft zu Alexander Schmorell und den übrigen Mitgliedern der Weißen Rose reifte seine moralisch-politische Urteilskraft. Auch wenn er sich aus Rücksicht auf seine Familie nicht unmittelbar aktiv an den ersten Flugblättern beteiligte, war er von Anfang an wichtiger Teil der Gruppe und ihrer Debatten. Angesichts der beschämenden Gleichschaltung von großen Teilen der damaligen Eliten auch an der LMU, an der er Medizin studierte, ist er ein sinnstiftendes Vorbild gerade auch für die gegenwärtige Debatte um die gesellschaftliche Verantwortung der Hochschulen. Der geschützte Raum von Freundschaften ist offensichtlich eine entscheidende Ressource für mutiges Denken und Handeln.

Zur Rolle des Glaubens für den Widerstand von Christoph Probst

Für Christoph Probst und in unterschiedlicher Weise für alle Mitglieder der Weißen Rose spielte der christliche Glaube eine wesentliche Rolle, nicht als fertige Antwort, sondern als Ort der Gewissensbildung und der Suche nach Orientierung und Unterscheidung.

Für Christoph Probst wurden besonders Sören Kierkegaards Tagebücher, Paul Claudels „Seidener Schuh“ sowie Reinhold Schneiders „Macht und Gnade“ zu Schlüsseltexten. Gemeinsam mit seinen Freunden besuchte er zahlreiche religiös geprägte Vortrags- und Gesprächsveranstaltungen, die ihn nachhaltig beeindruckten. So schrieb er nach einem solchen Abend in einem Brief an seinen Stiefbruder Dieter Sasse Ende Juli 1942: „Auch im schlimmsten Wirrwarr kommt es darauf an, dass der Einzelne zu seinem Lebensziele kommt, zu seinem Heil kommt, welches nicht in einem äußeren ‚Erreichen‘ gegeben sein kann, sondern nur in der inneren Vollendung seiner Person. Denn das Leben fängt ja nicht mit der Geburt an und endigt nicht im Tod. So ist ja auch das Leben als die große Aufgabe der Mensch-Werdung, eine Vorbereitung für ein Dasein in anderer neuer Form.typo3/#_edn3typo3/#_edn3[3]

Christoph Probst hat in seinem Tod, der zu einem die Zeiten überdauernden Zeichen des Glaubens an Wahrheit und Menschlichkeit wurde, eine solche Vollendung seiner Person gefunden. Er verstand Mensch-Werdung als „Vorbereitung für ein Dasein in anderer Form“. Er hat eine Wahrheit gefunden, für die er lebte und starb (wie es sein Lieblingsautor Kierkegaard formulierte). In Reinhold Schneiders Essaysammlung Macht und Gnade las er von Menschen, die „sich opfernd und scheiternd, für das Endgültige zeugten und zugleich für das Volk“[4]. Dies hat er nicht nur gelesen und in einem Brief an seinen Schwager davon geschrieben, sondern auch gelebt und mit seinem Blut bezeugt.

Bei den Hinweisen auf die religiöse Dimension des Lebens und Sterbens von Christoph Probst geht es nicht darum, dass sich Kirche und die Christen mit der Erinnerung an die Weiße Rose schmücken, um sich als Teil des besseren Deutschlands zu fühlen. Es gab auch massives kirchliches Versagen in den zentralen Fragen der Verantwortung. Damals wie heute braucht es auch innerhalb der Kirchen und innerhalb der verschiedenen Glaubensformen eine Unterscheidung der Geister, um genauer zu benennen, was es ist, das zu Aufrichtigkeit und Menschlichkeit befähigt. Auf eine solche Genauigkeit der Erinnerung kommt es an, um zu verstehen, welche Motive, Erlebnisse und Denkwelten den Widerstand von Christoph Probst prägten. Dazu gehört möglicherweise auch eine mystische Dimension: Er erlebte, wie seine Ehefrau Herta berichtet, in der Christmette in Lermoos an Heiligabend 1942 eine Art „ekstatischer Vision“.[5]

„Damit Deutschland weiterlebt“

Christoph Probst hat sein ethisch-politisches Vermächtnis in drei Worten zusammengefasst: „Damit Deutschland weiterlebt“ (siebtes Flugblatt). Inhaltlich geht es um die Anerkennung der unbedingten Würde jedes Menschen als Leitmaßstab aller Politik als Antwort auf das moralische Versagen im Nationalsozialismus. Dies hat das deutsche Grundgesetz 1949 formuliert. „Die Mütter und Väter des Grundgesetzes trugen – wenn man so will – dem letzten Willen Wilhelm Grafs Rechnung, nämlich weiterzutragen, was die Weiße Rose begonnen hatte: Die unverletzliche Würde des Menschen als Grundlage einer neuen Rechtsordnung. Auf dieser Grundlage basiert unser Staat. Er bekennt sich in Art 1 des Grundgesetzes zur unverletzlichen Würde des Menschen. Nicht die Volksgemeinschaft, sondern das Individuum ist der Referenzrahmen“ (Heribert Prantl). Weil die Geschichte ein ständiger Verstoß gegen die eigenen Werte ist, sind wir unablässig aufgefordert, unser Handeln zu hinterfragen.

Jede Generation muss sich immer wieder neu darüber verständigen, wie die Werteordnung des Grundgesetzes mit Leben gefüllt werden kann“ (Wolfgang Schäuble). Wer kann von sich sagen, dass er nicht häufig bloß Mitläufer ist und schweigt, wenn Unrecht begangen wird? Jahrzehnte haben wir in der katholischen Kirche weggeschaut angesichts des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen, der weltweit geschah und geschieht. Es geht auch darum, das Versagen in Einzelfällen als systemisches Problem zu begreifen. Das gilt für viele Bereiche und stellt neue, komplexe Fragen der Definition von Verantwortung und der Organisation von Rechenschaftspflichten.

Staatsbürger in Uniform

Das Konzept des Soldaten als „Staatsbürger in Uniform“ ist eine Besonderheit des deutschen Militärs. Sie formt aus der Not unserer nicht geradlinigen Geschichte eine Tugend, die gerade heute von signifikanter Bedeutung sowohl für die innerdeutsche Entwicklung wie für die wachsende Zahl an hochkomplexen Auslandseinsätzen werden kann. Sie wird im Traditionserlass vom März 2018 mit dem Anspruch gesellschaftlicher Integration als „Armee der Demokratie“ verbunden (§ 1.4).

Als ein Schlüssel hierfür wird wiederholt das kritische Geschichtsbewusstsein angesprochen und dabei keineswegs nur auf die Zeit des Nationalsozialismus bezogen, sondern auch auf die „weitgehende innere Distanz“ in der Zeit der Weimarer Republik, die dazu führte, dass das Militär „zu großen Teilen einem antirepublikanischen Geist verhaftet“ blieb (§ 2.3) sowie die Zeit der NVA unter dem Regime der DDR.

Gerade für die letzte Epoche ist es entscheidend, hier kritisches geschichtliches und gesellschaftliches Bewusstsein nicht als Instrument der Ausgrenzung zu praktizieren, sondern als Differenzierung in der Wahrnehmung von Licht- und Schattenseiten. So hat das Nichteingreifen des Militärs der ehemaligen DDR bei den Demonstrationen 1989 sicherlich wesentlich zur Ermöglichung der friedlichen Revolution beigetragen. Auch hier gab es vielleicht Helden, die es verdient hätten, dass eine Kaserne nach ihnen benannt wird.

Zu einem ausgewogenen Geschichts- und Traditionsbewusstsein gehört aber auch die Pflege von Elementen der Repräsentation und von öffentlicher Anerkennung beispielsweise für die hochgefährlichen Militäreinsätze der Gegenwart und in der Geschichte. Wenn es differenziert geschieht, können Angebote positiver Identifikation und Tradition ein Gegengift sein gegen den Neonationalismus, der weltweit quer durch die Gesellschaftsschichten zu beobachten ist und in Deutschland besonders bedrückende Erinnerungen und Traditionselemente wachruft. Möglicherweise ist dies psychologisch nicht selten eine Kompensation für mangelnde Angebote positiver Identifikationen.

Eine Ethik der Erinnerung an Christoph Probst im Kontext des Militärs steht vor der Spannung zwischen Gehorsam und Widerstand. Ohne die Bereitschaft zu Gehorsam, Loyalität und Einordnung in die Gemeinschaft funktioniert kein Militär. Der Widerstand wird erst dann zu einer Tugend, wenn er nicht einfach ein Mangel an loyaler Eid- und Gefolgschaftstreue ist, sondern aus der Tiefe einer Gewissensentscheidung kommt. Widerstand und Loyalität sind komplementär als sich wechselseitig ergänzende Gegenpole zu denken, die beide ihre Berechtigung und Notwendigkeit haben. Erst im situationsspezifischen Ringen darum, welcher Aspekt jeweils Priorität hat, gewinnen sie ihre ethische Qualität als Tugenden für den soldatischen Staatbürger in Uniform.

„Unmissverständliche Grenzlinie zum braunen Erbe“

Der „fortlaufende und schöpferische Prozess wertegeleiteter Auseinander­setzung mit der Vergangenheit“ (§ 1.3) gilt dem Traditionserlass als Teil der Inneren Führung.[6] Sie soll die Verankerung der Bundeswehrin der Gesellschaft festigen (vgl. § 1.1). Nach Dr. Hans-Peter Bartels, dem Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages sind zwei Aspekte „für die Güte der Traditionspflege in der Bundeswehr entscheidend“": "Erstens: Für die eigene Tradition der Bundeswehr nicht nur die Köpfe, sondern insbesondere die Herzen der Bundeswehrsoldatin­nen und -soldaten zu erreichen.“ Zweitens: „Ein kluger und unverfänglicher Umgang mit ausgewählten Aspekten des militärischen Erbes vergangener Zeiten und eine unmissverständliche Grenzlinie zum braunen Erbe“ (Jahresbericht 2019).

Der hohe Anteil der AfD bei den Wahlen im Oktober zeigt, wie fragil der gesellschaftliche Zusammenhalt und die demokratische Gesinnung gegenwärtig sind. „Gold wird braun“, charakterisiert Heribert Prantl die gegenwärtige Lage 30 Jahre nach dem Mauerfall: „Die (deutsche) Nachkriegsgeschichte beginnt mit dem Schwarz der CDU Adenauers und der Eingliederung Westdeutschlands in das West-Bündnis. Es folgt das Rot der Brandt-SPD mit der neuen Ostpolitik. Dann kommt das Gold der Wiedervereinigung. […] In das Gold des glückseligen Jubels drängen sich aber seit Jahren immer mehr braune Streifen.“[7]

Die Inanspruchnahme der Weißen Rose für eine pauschale Kritik des vermeintlich verantwortungslosen Systems des gegenwärtigen Staates vonseiten der AfD (Ortsverband Schwerin im September 2018), deren Vertreter bei Demonstrationen das Symbol der Weißen Rose trugen und aus deren Flugblättern zitierten, ist ein schwerer Missbrauch. Widerstand wird erst dann ethisch qualifiziert, wenn er durch die Reflexion und Verteidigung eines übergreifenden Maßstabs motiviert ist, der in den Achtung der Würde jedes Menschen liegt.

Globale Rezession der Demokratie: eine sicherheitspolitische Herausforderung

Die Schwächung ethisch-politischer Grundlagen der Demokratie zeigt sich nicht nur in Deutschland, sondern europa- und teilweise weltweit. Seit gut zehn Jahren beobachten wir eine globale Rezession der Demokratie[8]. Nach dem scheinbaren „Ende der Geschichte“ (Fukuyama) durch den globalen Sieg der rechtsstaatlichen Demokratie erleben wir seit gut zehn Jahren ein Erstarken autoritärer Regime, ein Zurückdrängen des Prinzips der Gewaltenteilung, der freien Presse, unabhängiger Gerichte und unabhängiger Wissenschaft. Bereits 2004 hat Colin Crouch eine Epoche der „Postdemokratie“ diagnostiziert.

Es ist absehbar, dass wir für die Zukunft tiefe Disruptionen in der Entwicklung der Weltgesellschaft zu erwarten haben, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die innere wie die äußere Sicherheit vor tiefgreifende Herausforderungen stellen. Vorboten davon lassen sich vielerorts bereits heute beobachten. Die Ursachen sind vielfältig und werden sich in den kommenden Jahrzehnten aller Wahrscheinlichkeit nach erheblich verstärken.

Das Konzept des Soldaten als „Staatsbürger in Uniform“ kann zu einem ganz wesentlichen Faktor werden für die Stabilisierung des Gemeinwesens in schwierigen Zeiten. Letztlich weitet und differenziert sich damit aber der Auftrag der Streitkräfte insgesamt: Als Verteidiger der Demokratie sind sie zunehmend auf eine intelligente Vernetzung mit zivilgesellschaftlichen Kräften der Aufklärung, Konfliktbewältigung und Staatenbildung angewiesen.

Heutige Herausforderungen für Widerstand

Eine zentrale Herausforderung des moralischen Versagens der gegenwärtigen Generation ist der Klimaschutz: Die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln ist hier unübersehbar. Wir alle sind Teil einer Lebens- und Wirtschaftsform, von der wir wissen, dass sie Lebenschancen von Millionen von Menschen massiv beeinträchtigt – heute und in noch viel größerem Umfang in der Zukunft. Die „Fridays for Future“-Bewegung fordert vehement eine neue Auseinandersetzung um Reichweite und Grenzen der Verantwortung. Trotz erheblicher historischer Differenzen kann man diese durchaus als einen „Aufstand des Gewissens“ kennzeichnen.

Welch ein Segen, dass wir heute bei uns solche Proteste offen, gewaltfrei und ohne Androhung von Gefängnis und Tod kundtun können! Das ist nicht überall auf der Welt so. Auch heute sterben täglich Menschen, die ihrem Gewissen folgen und Widerstand leisten gegen den Missbrauch von Macht. Das Erbe von Christoph Probst verpflichtet dazu, ihnen solidarischen Beistand zu leisten. Wir brauchen eine wehrfähige Demokratie, zu deren Stabilisierung auch das Militär eine unverzichtbare Funktion besitzt.

„Enthegung des Krieges“

Die traditionelle Sicherheitspolitik bietet keine hinreichenden Antworten auf die „Enthegung des Krieges“ (Münkler) in Form von Gewaltexzessen im Kontext von Staatenzerfall, hybriden Kriegen mit ihren massiven Manipulationen der öffentlichen Meinung durch digitale Medien, Terrorismus und wirtschaftlichen Machtkämpfen.[9] Neue Formen einer vorsorgenden, eng mit politischen und zivilgesellschaftlichen Initiativen verwobenen Friedenssicherung sind nötig.

So wäre es beispielsweise naiv zu glauben, dass der „Kampf um die Ukraine“[10] allein mit den traditionellen militärischen Mitteln geführt wird. Ebenso naiv ist es zu glauben, dass er ohne militärischen Schutz zu gewinnen ist. Die neuen Formen hybrider Kriegsführung sind eine gesamtgesellschaftliche Heraus­forderung. Die ethischen Pflichten, Grenzen und Erfolgsbedingungen humanitärer Interventionen und der „responsibility to protect“ müssen neu ausgelotet werden. Friedensstrategien müssen professionelle Ressourcen für interkulturelle Konfliktprävention und -nachsorge bereitstellen.

Daraus ergeben sich neue Aufgaben für das Militär, die hohe Kultursensibilität und differenziertes Abwägen erfordern, um die Konflikte zu verstehen, Eskalationsrisiken frühzeitig zu vermeiden sowie Versöhnungs- und Demokratisierungsprozesse zu fördern. Die Kultur einer differenzierten Auseinandersetzung mit den Licht- und Schattenseiten der eigenen Geschichte kann diese Sensibilität erheblich stärken. Die aus der deutschen Geschichte erwachsende Distanz zu heroischem Nationalismus ermöglicht einen wacheren Blick für die Ambivalenzen der Macht, der Gewalt und der Siegermentalität. Diese spezifische Friedenskompetenz in der Zusammenarbeit zwischen Militär und zivilgesellschaftlichen Gruppen zu professionalisieren könnte aus meiner Sicht eine entscheide Chance und Aufgabe für die künftige Profilierung der deutschen Streitkräfte bei ihren Auslandseinsätzen sein.

Dies kann heute in vielschichtigen Konflikten etwa in Afghanistan enorm hilfreich sein, insofern hier eine entscheidende Erfahrung gerade darin liegt, dass militärische Stärke allein keineswegs hinreichend ist, um dauerhaft Frieden und Sicherheit zu gewährleisten. Aus der Sicht christlicher Friedensethik und seines Leitparadigmas „Gerechter Friede“[11] scheint es notwendig, verstärkt Kompetenzen des Widerstands gegen ideologische Aufrüstungen aller Art zu integrieren und auch zivilgesellschaftlich zu schulen. Für Denk- und Bildungsprozesse in diesem Feld sind kritische Auseinandersetzungen mit der eigenen Geschichte und das Erinnern des Widerstands sehr hilfreich. Solche Ansätze können als ethische Bildung in den Streitkräften das Profil des deutschen Militärs maßgeblich befruchten.

Die Christoph-Probst-Kaserne im Dienst für eine wehrfähige Demokratie

Der Sanitätsdienst der Bundeswehr kann stolz sein auf ein ehemaliges Mitglied wie Christoph Probst. Er ist ein leuchtendes Vorbild, das auch für die Gegenwart hohe Strahlkraft hat. Wir sollten uns jedoch nicht selbstzufrieden auf dem Erbe von Christoph Probst ausruhen, sondern es weiterdenken für die Herausforderungen der Gegenwart. So wünsche ich der Christoph-Probst-Kaserne, dass sie weiterhin und immer mehr ein Ort des Dienstes für eine wehrfähige Demokratie im Geist von Christoph Probst sein möge.


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[1]typo3/#_ednref1 Mein Großvater, der jüdische Vorfahren hatte und mit Martin Buber befreundet war, verlor wegen seiner Kritik am Nationalsozialismus seine Arbeit und ließ meine Mutter aus Sicherheitsgründen zeitweise bei ihrer mystisch begabten Tante Margarte Dach aufwachsen, die in der Form eines großen Gebetskreises, der jedoch unpolitisch blieb, gegen die Ideologie anzukämpfen suchte; vgl. Gerl-Falkowitz, Barbara: Widerstand und Erlösung: Tagebücher und Briefe der "Dachmutter" 1930-1946, Vallendar 2005.
[2] Vgl. zum Folgenden: Vogt, Markus, Erinnerung im Dienst einer Ethik des Widerstands. Gedanken zur Veranstaltung „Weiße Rose. Ethik des Widerstands – gestern und heute“ am 15.7.2019 in München; www.zebis.eu/veroeffentlichungen/positionen/erinnerung-im-dienst-einer-ethik-des-widerstands-von-markus-vogt/.
[3]Brief Christoph Probst, 27. Juli 1942, in: Moll, Briefe, S. 780 (zitiert nach Jakob Knab: Christoph Probst. Vortrag im Rahmen der Politischen Bildung in Murnau am 18. September 2019). Für zahlreiche Anregungen auch für die folgenden Belege aus der Biografie von Christoph Probst danke ich dem Autor sehr herzlich.
[4]Schneider, Reinhold: Macht und Gnade. Gestalten, Bilder und Werte in der Geschichte, Leipzig 1940, S. 17.
[5] Vgl. Moll: Briefe, S. 853, Anm. 898 (zit. nach Knab)
[6] In diesem Sinne betont die Zeitschrift der katholischen Militärseelsorge „Kompass" in ihrer Ausgabe Juli/August 2019, es müsse unter den Soldaten ein Bewusstsein für die Vergangenheit geben - und auch für die ihr innewohnenden Brüche. Das sei gerade mit Blick auf den Wandel der Bundeswehr und die Ausweitung internationaler Einsätze unverzichtbar. 
[7] Prantl, Heribert: Gold wird braun, SZ vom 2./3.11.2019, S. 5.
[8] Vgl. Fukuyama, Francis: Identity: The Demand for Dignity and the Politics of Resentment, 2018, dt.: Identität. Wie der Verlust der Würde unsre Demokratie gefährdet, Hamburg 2019.
[9] Münkler, Herfried: Kriegssplitter. Die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert, Reinbek 2017.
[10] Justenhoven, Heinz-Gerhard: Kampf um die Ukraine. Ringen um Selbstbestimmung und geopolitische Interessen, Baden-Banden 2018.
[11]Vgl. Bock, Veronika u. a. (Hg.): Christliche Friedensethik vor den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, Baden-Baden 2015; Vogt, Markus: Grundzüge christlicher Friedensethik, in: Bohrmann, T. u. a. (Hg.), Handbuch Militärische Berufsethik, Bd. 1: Grundlagen, Wiesbaden 2013, 53-73.