Grenzen!

Europa im Auge der Corona-Pandemie

Wenn Grenzen für viele Menschen und unvorbereitet in Bewegung geraten, entstehen Unsicherheiten und Ängste, weil gewohnte Orientierungsmarken wegfallen, die unseren hausgemachten Wirklichkeiten ein Innen und ein Außen verleihen. Zur einen Seite schaffen Grenzen so eine Identität und zur anderen hin eine Differenz.

SARS-CoV-2 hat eine unserer biologischen Grenzen überschritten. Sein getarntes Informationssystem hat unseren Leib und unser Bewusstsein in kürzester Zeit erfasst und uns so aus der Bahn geworfen. Voller Panik haben wir uns hinter unsere uralten und evolutionsbiologisch bewährten Verteidigungslinien zurückgezogen: Schutz durch Rückzug, Ausharren und List.

Die Bilder von leeren Regalen und Straßen werden uns noch lange an die ersten Tage der Corona-Krise mitten in Europa erinnern. Dann kam das lange und für viele einsame Warten — auf nichts als die immer gleichen Nachrichten. Als endlich genügend Nasen-und-Mund-Schutzmasken aus Asien in Europa angekommen waren, wurde auf die List der Bevölkerung gesetzt: Der unsichtbaren Gefahr (vor der wir uns so lange verstecken werden, bis ein biologisches Kampfmittel in Form von Medikamenten oder Impfstoffen bereit steht) wird ein sichtbares und teils wirksames Grenzzeichen entgegengesetzt. Ein Stück Stoff vor Mund und Nase wird zur Kampfansage an das Virus und zum Schutzprotokoll zwischen den Menschen auf der anderen Seite. Seither haben sich unsere Straßen, Restaurants und Läden sichtbar verändert.

Die allermeisten unserer Regierungen haben die Rückzugsstrategie der Bürger mit aller Macht und der Härte des Gesetzes unterstützt. Über Nacht und mit Polizeigewalt wurden etwa europäische Binnengrenzen mittels Brücken- und Straßensperren improvisiert: so an der Mosel zwischen Luxemburg und Deutschland, wo die täglich etwa 50.000 deutschen Berufspendler es genauso wenig fassen konnten wie die Luxemburger. Selbst innerhalb der Nationalstaaten gab es Grenzkonflikte zwischen Regionen, Ländern oder Kantonen. Im Einsatz gegen das Virus und seine Verbreitung waren diese Grenzen zwar nutzlos, aber eben nicht im Kampf um die Gebietshoheit.

Doch was sagen diese Rückzugsgefechte über das gemeinsame Projekt Europa? Positiv gewendet, zeigen sie, dass Europa immer noch flächendeckend über den Willen verfügt, sich gegen unerwünschte Eindringlinge zu verteidigen. Negativ betrachtet, zeigen sie einen außerordentlichen Mangel an Interoperabilität. Dieser Mangel wird gerade mühsam überwunden. Wäre SARS-CoV-2 so tödlich wie Ebola, sähen Europa und die Welt heute erschreckend anders aus.

In den letzten Wochen und Monaten haben wir am eigenen Leib oder bis in den Familien- und Freundeskreis hinein erfahren, wie ernst das ausgelöste Krankheitsspektrum ist. Die Wirklichkeit des Unsichtbaren hat unsere Idee getrumpft, individuelle Superhelden auf dem wohlgeschützten Raumschiff Erde zu sein. Dagegen hat sich der unsichtbare Kitt unseres Zusammenlebens auf lokaler Ebene genauso bewährt wie die gegenseitige Hilfe über die alt-neuen Grenzen in Europa und der Welt hinaus. Und genau diese Wirklichkeit gelebter Solidarität könnte der Ausgangspunkt sein, um für Europa und die Welt erneut beim bekannten Satz von Robert Schuman anzusetzen: „Europa wird nicht von heute auf morgen und nicht aus einem Guss entstehen. Vielmehr werden greifbare Erfolge eine zunächst faktische Solidarität erzeugen.“[1]

Schuman ging es um nicht weniger als um Frieden und Freiheit, die beide auf dem Spiel standen und stehen. Für sie lohnt es sich sogar zu kämpfen. Und wenn es sein muss, mit dem eigenen Leben, das als Grundwert weder unter- noch überbewertet werden sollte. Gerade deshalb sollten die älteren oder jüngeren Generationen nicht paternalistisch bevormundet werden, wenn sie aufgrund ihrer Menschenwürde selbst und wissentlich Risiken auf sich nehmen und dabei anderen nicht schaden.

Im Auge der Pandemie werden unsere eigenen Grenzen sichtbar: Unwissenheit, Gleichgültigkeit, Vermischung von Interessen und Zielen, Angst vor einer unbekannten Zukunft sowie die Fokussierung auf das Coronavirus. Die abermals bewiesene Stärke Europas bleibt die kleine effektive Solidarität, die ohne Scheu konkret über die eigenen Grenzen hinausgeht. Sie hat ihr Potenzial für Frieden und Freiheit in Europa und in der Welt in den letzten 70 Jahren immer wieder bewiesen. Von den noch zu behebenden Schwachstellen sollten wir beim Post-Corona-Anlauf lernen.

Gelebte Solidarität steckt an. Sie überträgt sich von Mensch zu Mensch und entzündet sich an wahrgenommener Not. SARS-CoV-2 erinnert daran, dass unsere Grenze mit der biologischen Natur genauso anfällig ist wie die andere Seite. Wenn das gemeinsame Haus bedroht ist, hilft grenzüberschreitende Solidarität von mutigen Menschen.

An unseren Grenzen entscheidet sich, wer wir sind — für uns und für die anderen — in der einen Welt.

Dr. Erny Gillen ist Gründer und Leiter der Moral Factory in Luxemburg. Er ist ehemaliger Leiter der Caritas in Luxemburg sowie Generalvikar der Erzdiözese Luxemburg. Zahlreiche Lehraufträge und Publikationen als praktischer Ethiker; "Oktaeder-Ansatz" zu Leadership und Ethik.

 

 

[1] Robert Schuman bei seiner berühmten Rede am 9. Mai 1950.

 


Zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie hat das zebis eine Reihe von Gastkommentatoren aus Wissenschaft, Kirche, Gesellschaft und Militär gewonnen. Ihre Beiträge veröffentlichen wir hier in loser Reihenfolge. Lesen Sie auch:
Teil 1: Internationale Beziehungen nach der Corona-Pandemie von Dr. Melanie Alamir
Teil 2: Beitrag von Generaloberstabsarzt Dr. Ulrich Baumgärtner, Inspekteur des Sanitätsdienstes

Auch die kommenden Veranstaltungen des zebis sowie die nächste Ausgabe des E-Journals „Ethik und Militär“ (online ab 1.12.2020) werden wesentliche ethische und sicherheitspolitische Aspekte der Pandemie beleuchten.