Generaloberstabsarzt Dr. Ulrich Baumgärtner, Inspekteur des Sanitätsdienstes, zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie

Das SARS-CoV-2 Virus hat in den letzten Monaten unseren Alltag stark geprägt. Im Vordergrund standen dabei die Eindämmung des Infektionsgeschehens sowie die Versorgung von Patientinnen und Patienten. Sichtbar wurde, dass alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, der staatlichen Handlungsfähigkeit und der militärischen Einsatzbereitschaft durch ein pandemisches Geschehen verlangsamt oder geschwächt werden können.

Der steigende Warenverkehr, Reisetätigkeiten, sich wandelnde Umweltbedingungen, aber auch mögliche militärische oder terroristische Akte machen weitere Ereignisse dieser Dimension zunehmend wahrscheinlich. Zudem zeigt sich, dass solchen Gesundheitslagen nur mittels eines gesamtstaatlichen Ansatzes begegnet werden kann.

Als Sanitätsdienst sind wir elementarer Teil dieser Lösung und müssen unseren Auftrag innerhalb der Bundeswehr ebenso erfüllen können, wie unseren Auftrag im zivilen Gesundheitssystem und im Rahmen der gesamtstaatlichen Krisenvorsorge. Das erfordert Reaktionsfähigkeit und vorausschauendes verantwortungsvolles Handeln.

Die Bundeswehr ist als staatliche Organisation im gesamten Bundesgebiet vertreten; deshalb werden Menschen aufgrund von Ausbildung und Übung durch die gesamte Republik bewegt. Durch diese Dynamik entsteht ein gewisses Risiko für die Soldatinnen und Soldaten, deren Familien und das weitere Umfeld. Ausbildung und Übungen sind jedoch wichtig für den Erhalt der Einsatzbereitschaft der Streitkräfte. Darum müssen wir konkrete Maßnahmen entwickeln, um durch gezielte Vorbereitung unsere Resilienz als Bundeswehr gegen derartige Bedrohungen zu verbessern. Es gilt somit abzuwägen, in welchem Verhältnis das Risiko der Virusverbreitung zu dem Ziel der Auftragserfüllung steht und welche Einschränkungen in diesem Kontext vertretbar sind.

Einsatzbereitschaft bedeutet auch Verlegungen von Soldatinnen und Soldaten in Auslandseinsätze, hier wurden schwere Entscheidungen notwendig. Zur Prävention einer Virusverschleppung in Einsatzländer wurden z.B. Soldatinnen und Soldaten zuvor qualifiziert abgesondert. Eine noch frühere Trennung von der Familie galt es als Härte zu erdulden, denn nur so konnte verantwortlich mit diesem Risiko umgegangen werden.

Der Sanitätsdienst der Bundeswehr als Spezialist und Träger für medizinische Unterstützungsleistungen und den Gesundheitsschutz in den Streitkräften besitzt besondere Fähigkeiten wie z. B. fachliche Expertise im Gesundheitsschutz, klinische und ambulante Behandlungskapazitäten wie auch Forschungs-Knowhow. Unsere Ressortforschungseinrichtungen im Bereich des ABC-Schutzes, der Toxikologie und Mikrobiologie sind weltweit anerkannt und in einem entsprechenden Szenar wertvolle Instrumente zur Verifikation und zur Entwicklung geeigneter Gegenmaßnahmen. Mit den aktuellen Eindrücken vor Augen gilt es weiter zu forschen und die ethisch geforderte Verantwortung wahrzunehmen, die Wissenschaft mit sich bringt.

Das unvorhersehbare Ausmaß dieser Pandemie hat uns an einige sehr konkrete Extreme geführt.

Ganze Berufsgruppen wurden an die Belastungsgrenze geführt. Sich mitten in Deutschland als medizinisches Personal bewusst mit der Notwendigkeit einer Triage auseinander zu setzen, ist eine schwere Last, verbunden mit einem ethischen Dilemma. Nichtbetroffene können dies, wenn überhaupt, nur angesichts der Bilder aus Italien und Frankreich eingeschränkt nachvollziehen.

Es ist wichtig, ein ganzes Krankenhaus auf einen solchen Ernstfall vorzubereiten. Die Entscheidungen, ob und wie eine Triage in derartigen Szenarien durchgeführt werden muss, sind vorher umfassend zu kommunizieren und einzuüben. Im ZSanDstBw haben wir dies mittels Ethik-Kommissionen der Bundeswehrkrankenhäuser begleitet. In breit angelegten Prozessen wurden Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Covid-19-Patienten entwickelt. Interdisziplinär, begleitet durch Vertreter religiöser Gemeinschaften, wurden Leitfäden zur Behandlung erstellt, die dem Personal Sicherheit für ethisch reflektiertes Handeln geben. Zusätzlich wurde die Situation dadurch erleichtert, dass z. B. die Intensivkapazitäten in den Bundeswehrkrankenhäusern frühzeitig verdoppelt werden konnten.

Dennoch begründete auch in der Bundeswehr Knappheit an Fähigkeiten und Ressourcen die Notwendigkeit elektive Behandlungen zurück zu stellen. Hier stellte sich die Frage: „was gilt noch als elektiv und was als unabweisbar notwendig?“ Ein die ethischen Grundfesten des ärztlichen Selbstverständnisses berührendes, zentrales Spannungsfeld.

Um unserer Verantwortung für die einzelnen Mitarbeiter gerecht zu werden ist es notwendig, dass wir noch mehr in ethische Bildung investieren und sie durch Vermittlung eines soliden ethischen Koordinatensystems in ihren Entscheidungssituationen stärken.

Die seit Monaten anhaltende Pandemie hat uns wieder deutlich vor Augen geführt, dass wir als Sanitätspersonal in unserem Handeln ständig ethischen Dilemmata gegenüberstehen. Vordinglichstes Ziel muss es daher bleiben, auf solche Situationen bestmöglich vorbereitet zu sein und Entscheidungen auf Basis ethisch rechtzeitig durchdachter Empfehlungen vorzubereiten. Das schafft Sicherheit, die in der Einsamkeit der Entscheidung stützt.

Generaloberstabsarzt Dr. Baumgärtner, geboren 1960,  ist seit Herbst 2018 Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr. Als Sanitätsoffizier hat er nach seinem Studium der Medizin in Heidelberg mehrere Fach- und Führungsverwendungen durchlaufen. Wichtige Positionen seines beruflichen Lebens waren dabei die Teilnahme am 35. General- und Admiralstabsdienstlehrgang an der Führungsakademie der Bundeswehr, die Verwendungen als Kommandeur Kommando Schnelle Einsatzkräfte Sanitätsdienst „Ostfriesland“‘(Leer) und als Unterabteilungsleiter BMVg FüSK III. Zuletzt war er Kommandeur des Kommandos Sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung (Weißenfels). Der promovierte Arzt ist Facharzt für Allgemeinmedizin und führt die Zusatzbezeichnungen Chirotherapie und Sportmedizin.


Zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie hat das zebis eine Reihe von Gastkommentatoren aus Wissenschaft, Kirche, Gesellschaft und Militär gewonnen. Ihre Beiträge veröffentlichen wir hier in loser Reihenfolge. Lesen Sie auch:
Teil 1: Internationale Beziehungen nach der Corona-Pandemie von Dr. Melanie Alamir
Teil 3: Grenzen! Europa im Auge der Corona-Pandemie von Dr. Erny Gillen

Auch die kommenden Veranstaltungen des zebis sowie die nächste Ausgabe des E-Journals „Ethik und Militär“ (online ab 1.12.2020) werden wesentliche ethische und sicherheitspolitische Aspekte der Pandemie beleuchten.