Oświęcim, März 2026.
Ein Ort, der kein gewöhnlicher Seminarraum ist. Ein Ort, der konfrontiert, verstört und zugleich zum Nachdenken zwingt. Mehr als eine Million Menschen wurden hier ermordet. Auschwitz steht als Symbol der deutschen nationalsozialistischen Verbrechen, ist Friedhof, Mahnmal und europäischer Erinnerungsort zugleich. Genau hier trafen sich vom 9. bis 13. März 2026 rund 30 Berufsoffiziere aus Polen, Frankreich und Deutschland zum 11. Internationalen Workshop zum Umgang mit der gewaltbelasteten Vergangenheit von Auschwitz.
Organisiert vom Zentrum für ethische Bildung in den Streitkräften (zebis) in Kooperation mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, verfolgt der Workshop ein klares Ziel: einen Raum zu schaffen, in dem militärische Führungskräfte gemeinsam über Gewalt, Verantwortung und Gewissen nachdenken – jenseits einfacher Antworten.
Ein besonderer Lernort: Auschwitz als Herausforderung
Wer nach Auschwitz kommt, begegnet nicht nur Geschichte, sondern grundlegenden Fragen menschlichen Handelns. Diese besondere Qualität des Ortes prägt auch den Zugang des Workshops.
Die Teilnehmenden besuchten die deutschen Konzentrationslager Auschwitz I sowie das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. In der unmittelbaren Konfrontation mit den historischen Orten wurde erfahrbar, was sich abstrakt kaum vermitteln lässt: Gewalt entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern in konkreten Systemen, in Entscheidungen – und im Handeln von Menschen. Diese Erfahrung bildet den Ausgangspunkt des Workshops. Auschwitz steht dabei exemplarisch für die Auseinandersetzung mit Gewalterfahrungen sowie für die Frage, wie sich diese Erfahrungen bis heute in Gesellschaften und Individuen fortsetzen.
Dialog über Grenzen hinweg
Vor diesem Hintergrund entfaltet sich die eigentliche Stärke des Formats: der internationale Austausch. Das Besondere dieses Workshops ist seine trilaterale Zusammensetzung. Offiziere aus Deutschland, Frankreich und Polen bringen unterschiedliche historische Erfahrungen und Erinnerungskulturen mit:
Diese Unterschiede werden nicht nivelliert – im Gegenteil: Sie sind zentraler Bestandteil des Lernprozesses. Der Workshop lebt davon, Differenz auszuhalten und im Dialog zu bleiben. Gerade in einer Zeit neuer sicherheitspolitischer Spannungen erhält dieser Austausch eine besondere Bedeutung und wird zu einem wichtigen Beitrag für eine gemeinsame europäische Verantwortungskultur.
Zwischen Wissen, Emotion und Reflexion
Um diesen Dialog zu ermöglichen, verbindet das Programm bewusst unterschiedliche Perspektiven. Historische, psychologische und ethische Zugänge greifen ineinander und eröffnen einen vielschichtigen Zugang zum Thema Gewalt:
Gerade diese Perspektivwechsel zwischen Opfern, Tätern und Nachgeborenen eröffneten intensive Diskussionen unter den Offizieren und machten deutlich, wie komplex und ambivalent der Umgang mit Gewaltgeschichte ist.
Ein weiterer eindrücklicher Programmpunkt war der Besuch der Ausstellung von Marian Kołodziej, dessen künstlerische Verarbeitung der Lagererfahrungen das Unsagbare sichtbar macht und eine emotionale Dimension eröffnet, die sich sprachlich kaum fassen lässt.
Soldatische Verantwortung im Fokus
Diese Erfahrungen führen unmittelbar zur zentralen Frage des Workshops: der Verantwortung von Soldatinnen und Soldaten. Der Workshop richtet sich bewusst an militärische Führungskräfte, denn sie stehen in einer besonderen Spannung. Sie sind legitimiert, Gewalt auszuüben – aber auch verpflichtet, diese zu begrenzen. Zugleich sind sie selbst Ziel von Gewalt und den physischen wie psychischen Folgen von Gewalterfahrungen ausgesetzt.
Daraus ergibt sich eine Frage, die sich wie ein roter Faden durch alle Tage zog: Was schützt davor, dass legitime Gewalt in verbrecherische Gewalt umschlägt?
Ethik wird dabei nicht als abstrakte Theorie vermittelt, sondern als praktische Kompetenz verstanden – als Fähigkeit zur Urteilsbildung unter Druck und in Situationen, in denen es keine einfachen Antworten gibt.
Gemeinsames Gedenken – gemeinsames Zeichen
Vor diesem Hintergrund erhielt auch das gemeinsame Erinnern eine besondere Tiefe. Ein Höhepunkt der Woche war die Gedenkzeremonie in der Gedenkstätte Auschwitz I. In Uniform, als Vertreter ihrer Nationen und zugleich als Sinnbild einer gemeinsamen europäischen Verantwortung, gedachten die Offiziere der Opfer. Dass die Gestaltung der Zeremonie bewusst in den Händen der Teilnehmenden selbst lag, verlieh diesem Moment eine besondere Authentizität.
Die Eindrücke dieser Woche, die Gespräche über nationale Grenzen hinweg und die intensive individuelle und gemeinschaftliche Auseinandersetzung wirken weit über den Workshophinaus. In Gesprächen, in persönlicher Reflexion und im beruflichen Handeln setzen sie sich fort. Ein Teilnehmer formulierte rückblickend: „Eine Bildungsveranstaltung, wie ich sie in mehr als 30 Dienstjahren noch nicht erlebt habe.“
Der Internationale Workshop in Oświęcim ist daher mehr als ein Seminar. Er ist ein Erfahrungsraum, in dem Wissen, Reflexion und Dialog zusammenkommen und sich gegenseitig vertiefen. Er zeigt: Eine wertegebundene, reflektierte militärische Führung ist keine Einschränkung, sondern Voraussetzung verantwortlichen Handelns. Gerade deshalb wird dieses Format auch in Zukunft fortgeführt. Denn die zentrale Aufgabe bleibt: Verantwortung zu lernen – damit sich Auschwitz nicht wiederholt.
Kristina Tonn