Freiheitsschauplatz – Ein Gesellschaftsportrait der Ukraine

Herausgegeben von Susann Worschech

„In der Ukraine wird auch die Freiheit Europas verteidigt“, hört man seit der russischen Vollinvasion immer wieder und nicht zuletzt hat der Krieg gegen die Ukraine nicht nur in Deutschland zu einer „Zeitenwende“ geführt. Der lang gehegte Glauben an friedliche Konfliktlösung und eine kooperative europäische Sicherheitsarchitektur – und mittlerweile auch die Glaubwürdigkeit und Stabilität des westlichen Verteidigungsbündnisses – wurden tief erschüttert.

Seltsam nur, dass eigentlich noch viel zu wenig über die Ukraine und ihre bewegte Geschichte bekannt ist. Obwohl das Land schon seit Jahren – spätestens seit der Maidan-Revolution und der russischen Annexion der Krim 2014 – im Blickpunkt der globalen Öffentlichkeit steht, sind seineBewohnerinnen und Bewohner, seine (historische) Entwicklung und seinegesellschaftliche Struktur nicht nur in Deutschland noch eher unbekannt.

 Die Herausgeberin Susann Worschech, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, sowie die anderen deutschen und ukrainischen Expertinnen und Experten legen hier einen sehr lesenswerten Sammelband vor, in dem man sich wirklich umfangreich über all diese Themen informieren kann. Dabei macht zwar nahezu jeder Beitrag klar, dass der Krieg im Donbas und der brutale Angriff vom 24. Februar 2022 das Land und seine vielfältige Gesellschaft (natürlich) vor gänzlich neue Herausforderungen stellt.Allerdings wird die Ukraine bei Weitem nicht auf diesen Teil ihrer Geschichte „reduziert“.

 Besonders gelungen und wichtig erscheint in diesem Zusammenhang der Artikel „Gedenkkultur(en) und Erinnerungspolitik“ von Tatiana Zhurzhenko, die sich mit Fragen der Identität eine Landes durch eine gewachsene Erinnerungskultur beschäftigt. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) in Berlin fragt: Was prägt dieses Land, seine Bewohnerinnen und Bewohner, wie gehen sie mit ihrem „sowjetischen Erbe“ um und wie erwächst auch daraus Kraft und Stärke, mit der Brutalität des Krieges umzugehen? Überzeugend gelingt es der Autorin, ihre Überlegungen in einen europäischen Kontext einzubinden und daraus eine organische Westbindung herzuleiten.

 „Freiheitsschauplatz“ bietet insgesamt eine strukturierte und gut zu lesende Möglichkeit, die reale Ukraine aus soziologischer und historischer Perspektive zu erkunden. Wer sind die Ukrainerinnen und Ukrainer? Wie stellt sich ihre Gesellschaft heute dar? Wie sehen sie sich und ihr Land? Als Teil von Europa? Welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüche wirken bis heute fort – und welche Dynamiken ergeben sich daraus? Was prägte dieses Land schon weit vor dem Jahre 2014? Dabei bleibt auch Kritisches und Herausforderndes nicht unerwähnt, denn es lassen sich hier auch Stichworte wie „Oligarchen“ und „Korruption“, „Postsozialismus“ und „kommunistische Struktur“ finden. Sowirft der interdisziplinär angelegte Band mit durchaus wissenschaftlichemAnspruch damit einen Blick auf die vielfältigen Fortschritte in Richtung Demokratie und Freiheit, aber auch auf die nach wie vor wirksamen Gegenkräfte.

 Das mag manchmal etwas kleinteilig geraten sein. Wer sich gut und intensiv, grundlegend und umfassend über die Ukraine informieren will, wer schließlich auch die Auseinandersetzung mit Russland verstehen möchte, dem sei dieser Band dennoch sehr empfohlen.

 

Heinrich Dierkes