Ruth Elias, Die Hoffnung erhielt mich am Leben, München 1988

Ruth Elias (1922–2008), tschechische Jüdin aus Ostrau, hat in diesem Buch für ihre Enkel ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben. Der Text war nach Angaben des Verlags ursprünglich nicht zur Veröffentlichung gedacht und wurde nur gering redigiert. Das Buch ist vergriffen, aber antiquarisch in verschiedenen Ausgaben gut erhältlich.

Alles, was wir mehr oder weniger abstrakt aus dem Geschichtsunterricht kennen, begegnet uns hier ganz direkt und eindringlich, in vielen kleinen Episoden: die wachsende Bedrohung durch den Nationalsozialismus, der Einbruch der lange verdrängten Gefahr in das ganz normale Familienleben mit seinen Freuden und Schmerzen, Verrat durch ehemals nahestehende Personen – so eignete sich der deutsche Vorarbeiter und ehemalige Lehrling nach der Besetzung der Tschechoslowakei 1939 unverzüglich die Firma von Ruth Elias’ Vater an –, die Ungläubigkeit angesichts des Hasses und Zynismus der „Herrenmenschen“, die unzähligen verbalen und körperlichen Demütigungen, die sadistischen und kaltblütig verübten Grausamkeiten in den Lagern.

Ruth Elias hat Unvorstellbares erlebt. Immer wieder musste sie von geliebten Menschen Abschied nehmen. In Auschwitz begegnete sie Josef Mengele, der eines seiner sinnlosen, perversen „Experimente“ an ihrem neugeborenen Kind vornahm. Eine tschechische Ärztin überzeugte sie im Moment der größten Verzweiflung, ihr Baby mit einer Morphiumspritze zu töten, um sein Leiden zu verkürzen und sich selbst zu retten.

„Wo nahmen wir die Kraft her, das alles zu ertragen?“ Ruth Elias hat sie in sich gefunden, in einem unbedingten Überlebenswillen, einem „Instinkt“, wie sie es nennt, und in der Hoffnung auf ein Wiedersehen mit der Familie. Und sie erfuhr auch Solidarität, Mitmenschlichkeit, Zuneigung und Liebe, die Hoffnung spendende Kraft von Musik und Kunst.

 

„Die Hoffnung erhielt mich am Leben“ ist keine elaborierte Autobiografie, eher eine Chronik der Ereignisse und der Stationen von Ruth Elias’ Leben, die das Buch in Kapitel gliedern. Kindheit in Ostrau, Untertauchen in Posorschitz, die Lager Theresienstadt, Auschwitz und Taucha, Befreiung, Heirat und Auswanderung nach Israel. Hier findet sich keine politische Analyse, keine Reflexion über Antisemitismus oder das System der Lager; Gefühle beschreibt sie meist, anstatt sie zu erklären. So hat sie einen Weg gefunden, den Holocaust in Worte zu fassen, und ihre Erzählung entwickelt eine Eindringlichkeit, die sehr berührt. Als Ruth Elias nach Kriegsende durch Deutschland fährt, sieht sie die zerbombten Städte und schildert ihre Genugtuung. Hier erzählt kein Engel der Versöhnung, hier erzählt ein Mensch, wie aus Hass Hass entsteht.

Man sollte diese Chronik jeder Person, die das Wort „Schlussstrich“ in den Mund nimmt oder auch nur darüber nachdenkt, zu lesen geben. Nicht um ihr irgendeine persönliche Schuld vorzuhalten (es sei denn, sie hat sich in dieser Zeit wirklich schuldig gemacht), sie mit Komplexen zu beladen oder sie kleinzuhalten. Aber seine Identität und seine Herkunft kann man sich nun mal nicht aussuchen. Wer diese schwärzeste Seite unserer Vergangenheit ausblenden will, ist schlichtweg zu feige, Gefühle wie Scham und Entsetzen auszuhalten. Mit Stolz und Stärke hat das nichts zu tun. Besser als die NDR-Journalistin Anja Reschke vor fünf Jahren kann man es kaum formulieren: https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-58033.html

Auch dass mit dem Ende des Krieges das Leiden nicht einfach vorbei war, hat mir Ruth Elias’ Buch vor Augen geführt. Das ist natürlich erst einmal eine banale Einsicht; zwar markierte das Ende der Kampfhandlungen einen wesentlichen Wendepunkt, aber keineswegs das Ende der Not. Doch dass ausgerechnet die Opfer, die das Schlimmste zu erleiden hatten, nicht nur Fürsorge, sondern oft weiterhin dem Lagerleben und der Isolation ausgesetzt waren, ja nach wie vor Hass, Neid und Verachtung begegneten, macht sprachlos und wird durch suggestive Begriffe wie „Stunde null“ eher ausgeblendet. Für die Überlebenden der Konzentrationslager wie Ruth Elias, denen die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit den Familienangehörigen und Freunden lange Kraft gegeben hatte, bedeutete die Zeit nach der Befreiung auch die zunehmende Gewissheit, dass nur wenige oder niemand aus dem eigenen Umfeld überlebt hatten. „Ja, ich überlebte, doch erst dann kam mir ganz zu Bewusstsein, dass ich allein war. Alleine.“

 

Rüdiger Frank

 

Eine Begegnung mit Ruth Elias schildert der Zeit-Artikel aus dem Erscheinungsjahr des Buches.