Matthias Uhl u. a. (Hg.): Die Organisation des Terrors. Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943–1945, München 2020

Über 1000 Seiten liegen vor mir. Eine Neuerscheinung. Ein Dienstkalender wird hier veröffentlicht. Wie konnte all das geschehen? Warum können Menschen so sein? Wodurch all das menschengemachte Leid? Diese Fragen ergeben sich für mich immer wieder neu bei der Beschäftigung mit dem Zweiten Weltkrieg, mit dem Irrsinn des Nationalsozialismus.

Ein paar Antworten finden sich hier. In diesem schwarzen Buch. Lange galten auch die Dienstkalender des Organisators der Judenvernichtung Heinrich Himmler als verschollen – bis man sie in einem russischen Archiv in der Nähe von Moskau fand. Die Eintragungen vom 1. Januar 1943 bis zum 14. März 1945 werden hier der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, werden kommentiert, erläutert, erklärt und umfangreich in den historischen Zusammenhang eingeordnet.

Durchgehend – es fehlen in den Aufzeichnungen lediglich sechs Tage – wird der Tagesablauf des Reichsführers SS dokumentiert, und schnell wird deutlich: Uns begegnet hier ein kleinlicher, nachtragender Bürokrat, der in Verwaltungsaufgaben und der Organisation des Terrors der NS-Maschinerie aufzugehen scheint. Akribisch wird alles notiert: wann Himmler aufgestanden ist, wie häufig sein persönlicher Masseur und sein Leibarzt bei ihm waren, welche Dienstreise wohin ging, mit wem sich Besprechungen bis in die Nacht ergaben – ein Gewirr von Namen, Funktionen und Aufgaben. Aber all das scheinbar lückenlos und stündlich verzeichnet.

Die Informationen des persönlich geführten Tischkalenders Himmlers, seine Telefonbuchnotizen sowie des Dienstkalenders haben die Autoren hier zusammengeführt und zeigen dadurch eben auch einen Menschen, der pedantisch an der Vernichtung von Millionen gearbeitet hat und dem es wieder und wieder um die Verwirklichung der Vorstellungen Adolf Hitlers ging. Aber nicht nur die historische Persönlichkeit „Heinrich Himmler“ tritt hier zutage, sondern auch der Mensch, der nach außen den perfekten, treu-sorgenden, ehrenvollen Familienvater präsentierte, seit 1940 allerdings zwei Familien gleichzeitig hatte. Im gut geführten Terminkalender steht dann „Inspektionsreise“ oder „unterwegs“.

Wie konnte all das geschehen: die systematische Vernichtung von Menschengruppen, die unbeschreiblichen Grausamkeiten des Zweiten Weltkrieges? Bestimmt auch, weil es eiskalte Bürokraten wie Heinrich Himmler gab, die in familiären Zusammenhängen fast liebevoll wirkten, in der Bürokratie des faschistischen Deutschlands aber verwalteten, besprachen und zur Eliminierung freigaben. Diese Gefühlskälte, diese Verbissenheit in der Nachfolge von Adolf Hitler sind am Ende keine Erklärung für den Nationalsozialismus, aber in dieser herausragenden Dokumentation zur konkreten „Organisation des Terrors“ der SS und überhaupt des „Dritten Reiches“ wird doch deutlich, dass es immer um Entmenschlichung geht. Besonders klar zeigt sich das bei Himmler in seiner „Posener Rede“ vom 4.10.1943, deren Entwurf in diesem Band abgedruckt ist: Menschen werden Zahlen, Statistiken ersetzen Schicksale. Und dann kann man eben liebevoller Familienvater (gleich doppelt) und Organisator des SS-Terrors sein. Gruselig.

Heinrich Dierkes