Julia Böcker
„In the face of such unspeakable truths, would it not be better to simply, silently, bow down?
Fragen juristischer, politischer und ethischer Aufarbeitung des Völkermords an den Herero und Nama.“

EuroISME Preis für die beste Masterarbeit in Militärethik 2020

Um Frieden und Sicherheit in einer Zeit zu garantieren, die von Fragen globalen Miteinanders bestimmt wird, ist eine Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit grundlegend. Doch während sich Deutschland seiner schwierigen, gewaltbelasteten Geschichte in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust vielfach gestellt hat, steht eine Aufarbeitung der kolonialen Geschichte noch weitgehend aus. Für meine Masterarbeit habe ich den Fokus auf die bisherigen (Um-)Wege der Aufarbeitung des kolonialen Unrechts in Bezug auf den Völkermord an den Herero und Nama im Südwesten Afrikas gerichtet. Das deutsche Kaiserreich hatte dort den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts mit bis zu 100.000 Toten verübt.

Zur Eingangsfrage: „Wäre es angesichts solcher ,unaussprechlicher Wahrheiten' nicht besser, sich einfach, still und leise zu verneigen?“ (Kora Andrieu: Sorry for the Genocide, 2009) ist meine Antwort ein eindeutiges Ja. Angesichts extremer Gewalt bis hin zum Völkermord kann eine politische Entschuldigung ein wirksames Instrument der Konflikttransformation sein, selbst wenn das Unrecht weit zurückliegt. Zu dieser Schlussfolgerung führte mich ein interdisziplinärer Zugang, der nach den historischen Grundlagen, den juristischen Zugängen, den politischen Antworten und schließlich den (friedens-) ethischen Möglichkeiten fragte. Denn bei der Aufarbeitung massiven Systemunrechts sind nicht nur juristische Fragen relevant, sondern auch friedens- und sicherheitspolitische Standpunkte angesprochen sowie friedens- und militärethische Abwägungen von Bedeutung.

Mit der Begründung, dass die Arbeit viele dieser komplexen Aspekte berücksichtigt, wurde sie für den EuroISME Preis für die beste Masterarbeit in Militärethik 2020 vorgeschlagen. Für diese große Fürsprache danke ich Frau Prof. Dr. Ursula Schröder (Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Universität Hamburg). Großer, sehr großer Dank gilt auch Frau Dr. Veronika Bock (Zentrum für ethische Bildung in den Streitkräften, Hamburg) für die begeisterte und motivierende Betreuung der Arbeit. Überdies danke ich Frau Prof. Dr. Anna Geis (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg) für die freundliche Übernahme des Zweitgutachtens. Am 25. Mai 2020 wurde meiner Arbeit tatsächlich die Auszeichnung verliehen. Ich danke der Jury insbesondere dafür, einem so wichtigen und aktuellen Thema ihr Gewicht zu verleihen.

Denn gegenwärtig führen die namibische und die deutsche Regierung Gespräche, um ihre gemeinsame Geschichte aufzuarbeiten. In meinem Interview mit ihm erklärte der deutsche Sondergesandte Ruprecht Polenz, die deutsche Regierung will um Vergebung für die koloniale Gewalt bitten. Doch müssen die Opfergemeinschaften stärker in den Dialog einbezogen werden, ohne sich in nationalstaatliche Fragen einzumischen. Auch gilt es, weitere (post)-koloniale Aufgaben – wie die Rückgabe von Kunst und menschlichen Überresten, die Erinnerung im öffentlichen Raum und die Rolle von Universitäten und Museen – anzugehen.

Dann gründet in dem transformativen Potenzial einer politischen Entschuldigung als Methode der Transitional Justice die große Hoffnung, dass Versöhnungsprozesse angestoßen werden können. Kamerun wäre das nächste Land, das in einen solchen Fokus gerückt werden könnte – die Fragen stellen sich dem Einzelfall übergeordnet.

In der historischen Fotografie gab der Fotograf der Kolonialarmee noch gleichsam „Rückendeckung“ – heute gilt es, die Perspektive der Opfer auf das Unrecht einzunehmen.

Quelle: Fotografische Sammlung des Museums am Rothenbaum. Kunst und Kulturen der Welt Hamburg (MARKK), Inv.-Nr. 2018.1: 85 (Sammlung Alexander Hirschfeld)