„Der Krieg und ich“

Achtteilige Serie – 8 x 25 Minuten – Deutschland, Polen, Großbritannien – 2019

„Als der Krieg zu uns ins Dorf kam, ins Wutachtal am Rande des Schwarzwalds, war ich 19 Jahre alt. In Russland hatte ich meinen großen Bruder Hans verloren, er kam nicht wieder aus diesem Ort Stalingrad. Wir hörten die Artillerie in der Ferne. Da nahmen meine Schwester und ich ein weißes Bettlaken und hingen es als Friedenszeichen aus dem Fenster. Wir wollten einfach keinen Krieg mehr.“

So erzählte mir meine eigene Großmutter von ihren Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg. Dass unser Familiengedächtnis die Mutter meiner Mutter als Heldin schildert: Welche (verharmlosenden) Idealbilder typischerweise zwischen den Generationen weitergegeben werden wäre ein anderes wichtiges Thema.[1] Doch wie auch immer Großeltern aus der Kriegszeit berichteten: Kinder heute können zum größten Teil die unmittelbare Erfahrung, dass ihnen vertraute Menschen von ihren persönlichen Kriegseindrücken aus der damaligen Zeit berichteten, nicht mehr erleben. Die Großeltern meiner Generation sind beinahe alle verstorben; individuelle Geschichten werden höchstens noch aus zweiter Hand erzählt.

Umso wichtiger sind andere Möglichkeiten, Kindern und Jugendlichen Bilder vom Nationalsozialismus, Zweiten Weltkrieg und auch Holocaust zu vermitteln. Darin liegt der große Wert der Dramaserie „Der Krieg und ich“ – im November 2019 erstmalig ausgestrahlt und nun online über die Website der Sendung verfügbar. „Wir wollen Euch mitnehmen auf eine Reise in die Vergangenheit, in die Zeit des Zweiten Weltkriegs“, werden Kinder und Jugendliche eingeladen, sich dem schwierigen Thema anzunähern. Klug gewählt wurde die Art des Dokudramas, in dem Geschichten der damaligen Kinder und Jugendlichen durch Schauspieler nachgespielt werden.

Anton in Deutschland möchte unbedingt in die Hitlerjugend, doch sein Vater lässt ihn nicht. Romek lebt in einem Ghetto in Polen und sucht nach einem Ausweg, als die Menschen in ein Todeslager abtransportiert werden sollen. Sandrine und ihre Familie helfen in Frankreich Menschen bei der Flucht vor dem Nazi-Regime. Auch die Geschichten von Calum in Schottland, Justus in Deutschland, Eva in der Tschechischen Republik, Fritjof aus Norwegen und Vera in der Sowjetunion werden erzählt. Jede Episode widmet sich einem Charakter, sodass die Zuschauer ganz in die jeweilige Lebenswelt eintauchen, Gefühle nachempfinden können.

Durch die Biografien von Kindern aus ganz Europa entsteht ein ganzes Kaleidoskop von Schicksalen, die aus unterschiedlichen Perspektiven viele Anknüpfungsmomente bieten. Vor allem gelingt der Dramaserie der Spagat, weder zu beschönigen noch zu ängstigen. Unterlegt durch Archivmaterial werden Hintergründe erklärt, eine aufwendig, detailreich gestaltete Art „Modellwelt“ bietet eine interessante zusätzliche Dimension. Medienpädagogische Begleitprojekte, unter anderem eine Wanderausstellung, und Erwachsenenmaterial helfen bei der Vertiefung.

Denn die Dramaserie möchte die Zuschauer – Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene, die am besten ihre Kinder begleiten – ins Gespräch miteinander bringen. Es geht dabei auch um Werte für heute: Solidarität, Toleranz, Miteinander. Darstellungen wie diese können Zeitzeugen nicht ersetzen, aber für die nächste Generation ein informiertes, selbstkritisches, europäisches Geschichtsbewusstsein befördern.

Umfangreiches Zusatzmaterial auf der Website der Sendung: www.derkriegundich.de 
Alle Episoden sind in der ARD Mediathek abrufbar.
DVD mit allen Folgen bei der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) Bonn
Mehrfache Auszeichnungen der Serie, z. B. „Prädikat besonders wertvoll“ der Jury der Deutschen Film- und Medienbewertung
Internationale Koproduktion mit LOOKSfilm, SWR mit Toto Studio, BBC Alba / MG Alba, CT, EC 1 Łódź, CeTa und Momakin, Toute l’histoire, SRF gefördert von Mitteldeutsche Medienförderung, Creative Europe Media, Łódź Creates, 2019

Julia Böcker


[1] Harald Welzer, Sabine Moller und Karoline Tschuggnall: „Opa war kein Nazi“. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt 2002.