„Bestes Konzept einer deutschen Armee“ oder „Marxismus-Leninismus der Bundeswehr“?

Bericht zur Podiumsdiskussion “Zwischen Anspruch und Wirklichkeit – wo steht die Innere Führung?” 

Katholische Akademie Berlin, 19. Oktober 2021

Deutsche Krieger: In der seit Längerem virulenten Debatte um den Stellenwert der Inneren Führung ist der Titel der jüngsten Veröffentlichung von Prof. Sönke Neitzel, Historiker für Militärgeschichte an der Universität Potsdam, eine bewusste Provokation. Soldatinnen und Soldaten interessierten sich wenig für den abstrakten Verfassungspatriotismus des Konzepts, das zu einem selbstreferenziellen Dogma erstarrt sei. Die Realität laute vielmehr: Fokussierung auf den Auftrag, den militärischen Erfolg und die Pflege eines entsprechenden soldatischen Habitus, so der Tenor des Buchs. Die Gesellschaft wolle davon nichts wissen oder es nicht wahrhaben.

Diese hier sehr verkürzt wiedergegebenen Thesen setzten gewissermaßen den Rahmen für die Podiumsdiskussion, eine Kooperation der Deutschen Kommission Justitia et Pax, dem zebis und der Katholischen Akademie Berlin, an der neben Neitzel auch der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr Wolfgang Schneiderhan, Generalmajor André Bodemann, Kommandeur des Zentrums Innere Führung, Hauptmann Julia Schulze von der 1. Panzerdivision und Dr. Matthias Gillner, Dozent für Katholische Sozialethik an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, teilnahmen.

An dieser Stelle lassen sich nicht alle Stränge der von Dr. Markus Patenge (Justitia et Pax) moderierten Diskussion, die wechselseitigen Kritikpunkte und Erwiderungen im Einzelnen nachzeichnen. Es kristallisierten sich jedoch einige wichtige Aspekte heraus – ob und wie viel jeder einzelne noch zum Bereich Innere Führung gehört, war schon auf dem Podium umstritten.

So stand über weite Strecken der Diskussion Frage im Raum: Wofür ist die Bundeswehr eigentlich da? Wie ehrlich war und sind Politik und militärische Führung bei der Erklärung der Einsätze? Klar wurde der konkrete Bezugspunkt Afghanistan angesprochen. Hier bleibt zumindest dem Verfasser dieses Berichts Hauptmann Schulzes Aussage im Gedächtnis: „‚Wir machen das jetzt einfach nur aus Bündnissolidarität‘ – so ein Satz hätte mir schon gereicht.“

Beim Verständnis der Inneren Führung und ihrer Bedeutung war man sich weitgehend einig, dass die Vermittlung eines intellektuell anspruchsvollen Konzepts wie diesem in der Truppe hinter den Ansprüchen zurückbleibt. Es sei wichtig, griffige Vorstellungen zu entwickeln, so Generalmajor Bodemann, der dabei auch auf den aus seiner Sicht gestiegenen Bildungs- und Erziehungsauftrag der militärischen Führung für die jungen Bundeswehrangehörigen hinwies. Innere Führung sei dennoch das beste Konzept einer deutschen Armee, und es werde im Alltag und Einsatz, in Kameradschaft und Führung gelebt, stellte Hauptmann Schulze fest. Mängel in der Vermittlung sollten nicht durch weitere bedruckte Seiten Papier, sondern durch konkretes Vorleben und im Miteinander behoben werden.

General a.D. Schneiderhan betonte, dass die Grundsätze der Inneren Führung nicht zur Disposition stehen. Deren immer wieder geforderte „Weiterentwicklung“ könne sich nur auf die Anpassung an neue Gegebenheiten wie die Digitalisierung oder Konflikte im Cyberraum beziehen. Auch Prof. Neitzel machte deutlich, dass er weder die Übertragung der Werte und Normen des Grundgesetzes auf die Bundeswehr noch deren Kultur der Gewaltbegrenzung infrage stellt. Doch auf viele Bedürfnisse und Fragen von Soldatinnen und Soldaten – nach Tradition, Selbstverständnis und „combat motivation“ – gebe die Innere Führung schlicht keine Antworten. Diese fänden viele eher in einer Orientierung an militärischer Professionalität und in Werten, die erwiesenermaßen auch in der Wehrmacht gelebt worden seien.

Diese Position wurde unter anderem von Dr. Gillner kritisiert. Kämpfertum und Krieg als Raison d’Être des Militärs in den Vordergrund zu stellen blende nicht nur einen großen Teil der militärischen Wirklichkeit, sondern auch die Kriegsächtungsbemühungen der Vereinten Nationen aus.

In seinen teils sehr persönlich gehaltenen Redebeiträgen betonte General a.D. Schneiderhan unter anderem, dass Soldatinnen und Soldaten im Einsatz ein starkes ethisches Fundament brauchen, um nicht negativen Gefühlen bis hin zu Hass zu erliegen und eigenen Werten zuwiderzuhandeln. Wer sich und anderen gegenüber nicht vertreten könne: „Das tut man nicht“, sei als militärischer Führer nicht geeignet. Hier kam auch die Rolle der Kirchen und der Militärseelsorge zur Sprache, die laut Generalmajor Bodemann im Bereich der ethischen Bildung bereits viel leisten und noch leisten könnten. Dr. Gillner verwies auf Grenzen theoretisch-abstrakter Wertvermittlung, aber auch auf Möglichkeiten, wie sie beispielsweise der Lebenskundliche Unterricht bietet. Gehört werde nur, wer erst einmal zuhöre, statt belehren zu wollen.

Sollte ein solch offener und breiter Dialog zustande kommen, dann sind hoffentlich differenziertere Lösungen möglich als das von Prof. Neitzel skizzierte Entweder-oder zwischen einer Abschaffung der Bundeswehr und der unbedingten Forderung nach Robustheit. In ihrem Grußwort hatte Dr. Veronika Bock, die Direktorin des zebis, aus der Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim Zentralen Abschlussappell zur Würdigung des Afghanistan-Einsatzes zitiert: „Die Bundeswehr ist keine Armee wie jede andere“ – kann sie darauf nicht stolz sein?

Rüdiger Frank

Zur Videoaufzeichnung der Podiumsdiskussion:
https://www.youtube.com/watch?v=n4mHS3LRxqE&t=268s

Lesen Sie auch zum Thema: die Ausgabe 2/2021 des E-Journals Ethik und Militär mit dem Titel "Innere Führung und soldatisches Ethos in der Diskussion". Mit Beiträgen von Sönke Neitzel, Markus Patenge u. a.
Ab 15.12.2021 online 

Fotos: Fotos: Norbert Stäblein/KS