Fachtagung „Auf dem Weg zur Generalinspekteurin?“ am 01.06.2017

Audiomitschnitt der Grußworte

00:00    Dr. Veronika Bock
02:12    Militärgeneralvikar Monsignore Reinhold Bartmann
16:40    Wehrbeauftragter Dr. Hans-Peter Bartels
27:55    General a.D. Wolfgang Schneiderhan
43:45    Generalmajor Reinhardt Zudrop
51:45    Dr. Veronika Bock

Haben Frauen in den durch Männer dominierten Streitkräften die gleichen Aufstiegschancen wie ihre männlichen Kameraden? Gendergerechtigkeit in der Truppe war Thema der Fachtagung „Auf dem Weg zur Generalinspekteurin?“, die am 1. Juni 2017 in der Katholischen Akademie Berlin stattfand. Veranstalter waren das Zentrum für ethische Bildung in den Streitkräften (zebis), das Zentrum Innere Führung der Bundeswehr (ZInFü) und der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages.

In ihren Grußworten wiesen Militärgeneralvikar Monsignore Reinhold Bartmann und der Wehrbeauftragte Dr. Hans-Peter Bartels auf Herausforderungen hin, vor denen deutsche Soldatinnen nach wie vor stünden. Diese Schwierigkeiten zeigten sich – unabhängig von den jüngsten Vorkommnissen in der Truppe – immer wieder in Eingaben an den Wehrbeauftragten. Auch die 2014 veröffentlichte Studie „Truppenbild ohne Dame“ des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr habe alarmierende Ergebnisse dokumentiert. Die vielfältigen Aufgaben der Bundeswehr seien nicht mehr ohne Frauen zu bewältigen, sagte Bartels. Bestimmte antiquierte Verhaltensweisen und Rituale in der Bundeswehr schreckten Soldatinnen allerdings von einer Weiterverpflichtung ab. Bartels verwies in diesem Zusammenhang auf einen frauenfeindlich gestalteten Aufenthaltsraum, den er in der Kaserne Pfullendorf besichtigt habe. Weiter >>

 

 Fotos: Philipp Czogalla und Michael Zigelski

Der ehemalige Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan bekräftigte die Bedeutung der Inneren Führung und stellte Bildung als eine zentrale Führungsaufgabe aller Vorgesetzten heraus. In den sich stetig verändernden privaten, beruflichen und sicherheitspolitischen Kontexten dürfe kein „Orientierungsvakuum“ für Soldatinnen und Soldaten zugelassen werden. Die politische und ethische Bildung in den Streitkräften habe deshalb das Ziel, den Soldatinnen und Soldaten den Sinn ihres Dienstes zu vermitteln. Wenn jedoch diese Sinngebung fehle, habe dies zwangsläufig Auswirkungen auf die Haltung junger Menschen.

Der Kommandeur des ZInFü, Generalmajor Reinhardt Zudrop, thematisierte Möglichkeiten sowie Grenzen und Risiken der Frauenförderung in der Bundeswehr. Eine Frauenquote im Sinne einer Zielvorgabe sehe er kritisch. Mit vier Kernaussagen gab er den Rahmen für die anschließende Arbeitsgruppe des ZInFü vor: 1. Führen müsse von beiden Geschlechtern gelernt werden. 2. Die Vereinbarkeit von Dienst und Familie als ein Gestaltungsfeld der Inneren Führung gehe beide Geschlechter an. 3. Für die jüngeren Generationen in der Bundeswehr sei der gemeinsame Dienst von Mann und Frau normal. 4. Alle Menschen besäßen unabhängig von ihrem Geschlecht weitere Eigenschaften, in denen sie sich unterschieden.

Im Anschluss an die Grußworte teilten sich die rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fachtagung auf vier Arbeitsgruppen auf.

In der ersten Arbeitsgruppe wurde unter Leitung von Kristina Tonn (zebis) die Situation von Soldatinnen im internationalen Vergleich erörtert. Brigadier General Dawne L. Deskins (USA) und Colonel Elanor Boekholt-O’Sullivan (Niederlande) erläuterten den Stand der Integration von Frauen in ihren Streitkräften und gaben persönliche Erfahrungen wieder, bevor sie den interessiert fragenden Teilnehmerinnen und Teilnehmern Rede und Antwort standen. Von den Erfahrungen alliierter Kameradinnen zu hören, war dabei sowohl für die persönliche Lebensführung – wie die Optimierung von Kinderbetreuung für einen weiblichen Offizier – als auch im Blick auf generelle Themen wie die Rekrutierung von Frauen und deren Bindung an die Streitkräfte von großem Interesse.

In der zweiten Arbeitsgruppe gab das ZInFü einen Einblick in sein Bildungsangebot. Nach einem kurzen Impulsvortrag von Generalmajor Zudrop entwickelten die Teilnehmer Strategien zur Stärkung spezifisch weiblicher Führungskompetenzen. Hierzu wurden Statements mit Bezug auf Frauen in Führungspositionen innerhalb der Bundeswehr kontrovers diskutiert. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Arbeitsgruppen waren dabei aufgerufen, ihre eigenen Erfahrungen im Umgang mit weiblichen Führungskräften einzubringen und zu diskutieren.

In einer weiteren Arbeitsgruppe diskutierten Dr. Veronika Bock (zebis) und Oberstarzt Dr. Lale Bartoschek (BMVg) Probleme der Gendergerechtigkeit in einem Kampfverband. Unter den Aspekten der Gleichheit, Gerechtigkeit und der Diversität gaben die AG-Leiterinnen Impulse, die im Plenum kontrovers diskutiert wurden. Der Begriff „Chancengerechtigkeit“ fordere eine prinzipielle Gleichheit der Ausgangssituation und weise damit jede Diskriminierung zurück, sagte Dr. Bock. Was meint aber „prinzipielle Gleichheit“? Formale Gleichheit oder Gleichstellung? Welche Ausgangssituation ist gemeint? Die zentrale Aussage der Gendergerechtigkeit ist die Forderung nach der Anerkennung der gleichen Personenwürde und der daraus resultierenden Freiheit, ein selbstbestimmtes Leben, jenseits von Geschlechterstereotypen, führen zu dürfen. Was bedeutet das für den Einsatz von Frauen in Kampftruppen? Und wie könnte ein solcher Einsatz von Soldatinnen zukunftsweisend im Sinne des Arbeitgebers Bundeswehr aussehen?

Schließlich stellten General a.D. Schneiderhan und der Wehrbeauftragte Bartels in ihrer Arbeitsgruppe einige Thesen vor, wie eine wachsende Bundeswehr den Problemen entgegentreten kann, geeignetes Personal in ausreichender Menge rekrutieren zu können. Diese wurden mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern rege diskutiert. Von verbesserten Bildungsangeboten über steigendes Gehalt bis hin zur neu zu diskutierenden Standortfrage – die verschiedenen Vorschläge zur Attraktivitätssteigerung des Arbeitgebers Bundeswehr waren äußerst vielfältig und weitreichend. Im Abschlussplenum stellten die Arbeitsgruppen ihre Ergebnisse vor, die diskutiert wurden. Viele männliche Teilnehmer – größtenteils Offiziere im Dienstgrad Hauptmann/Kapitänleutnant bis Oberstleutnant/Fregattenkapitän – sagten, sie hätten ein überwiegend positives Bild von ihren Kameradinnen. Manche hofften, dass sich Integrationshemmnisse in einer modernen Bundeswehr mit der Zeit von selbst erledigen würden. Diese Hoffnung teilten auch die teilnehmenden Soldatinnen.

Zum Ende der Veranstaltung wurde deutlich, dass man auf das Fragezeichen im Titel dieser Fachtagung hätte verzichten können: Die Bundeswehr sei auf dem Weg zur Generalinspekteurin. Allerdings sei frühestens 2040 mit einem weiblichen 4-Sterne-General zu rechnen (der zentrale Sanitäts-Dienst wird bei der Auswahl zum Generalinspekteur bislang nicht berücksichtigt).

Jan-Peter Gülden